In-Your-Face.de

ABRAHAM: "Wir machen intensive Musik, können dabei aber auch Spaß haben und lustig sein."

Sie sind hier

ABRAHAM: "Wir machen intensive Musik, können dabei aber auch Spaß haben und lustig sein."

Die Schweizer Post Metaller ABRAHAM konnten bereits mit ihrem Erstlingswerk "Eye of the Universe" mächtig beeindrucken, ob des intensiven Gesamteindrucks. Der Nachfolger "The Serpent, the Prophet & the Whore" schaffte es, das Debüt zu toppen und mit einer Gänsehaut-Atmosphäre aufzuwarten. Grund genug, die Band auf Herz und Nieren zu testen; live auf der Bühne im Knust und im Gespräch mit Hauptsongwriter und Trommler David, Gitarrist Matt sowie Keyboarder und Sänger Renzo.

IYF: ABRAHAM ist eine Post Metal Band aus der Schweiz. Stimmt ihr mit dem Begriff überein oder habt ihr eine andere Genrebezeichnung lieber?

Matt: Ich beschäftige mich eigentlich gar nicht Genrezugehörigkeiten. Wir versuchen, unsere Einflüsse in etwas Eigenes zu transferieren.

David: Aber im Großen und Ganzen passen wir schon in diese Schublade: Post Metal.

Matt: Yeah. Viel Metal, aber ich würde noch Black Metal wegen der Atmosphäre hinzu addieren, ebenso 70er Jahre Sachen wie PINK FLOYD und aus 80er Bands wie DEPECHE MODE. Vieles eben.

IYF: Wie würdet ihr eure Musik dementsprechend beschreiben?

Matt: Dunkel, bedrückend, packend, anziehend ... und, yeah, laut natürlich.

IYF: Woher kommt der ungewöhnliche Name für die Band? Etwa von dem alten Mann aus der Bibel? Oder hattet ihr etwas ganz Anderes im Sinn?

David: Der Name ABRAHAM kommt von der Vorstellung, die du von einem alten Mann hast, so mit Bart, weise und der Vater der gesamten Menschheit. Er ist nicht Adam, hat aber eine Menge Kinder.

IYF: Soll das heißen, ihr erwartet ebenso viele Fans?

Matt: Yeah. Wegen unserer Bärte oder in unseren Bärten.

IYF: Wie ihr schon gesagt habt, eure Musik ist düster, laut und sehr intensiv und für mich auch sehr verzweifelt. Was wollt ihr mit eurer Musik und insbesondere mit diesem Album zum Ausdruck bringen?

David: Das aktuelle Album basiert auf einem Buch, es ist eine Art Konzept rund um diese Geschichte. Grundsätzlich haben wir musikalisch versucht, die Stimmung dieser Geschichte darzustellen. Es geht um einen Menschen, der viele Probleme hat und sich vielen schmerzlichen Erfahrungen stellen muss. Uns geht es darum, diese Gefühle dem Publikum nahe zu bringen. Es ist ja auch so, dass wir alle unsere dunkle Seite haben ... und diese auch mal ausleben wollen. Für mich ist das auf jeden Fall so; ich weiß nicht, wie es bei den anderen ist. Ist eine schwierige Frage. Die Geschichte ist übrigens von J.G. Rawls über einen Mann, der vom Himmel fällt.

IYF: So wie David Bowie in "The Man Who Fell to Earth"? Irgendwann in den 70ern. In dem Film geht es um das Unverständnis unseres Tuns und wie die Welt läuft.

David: (lacht) Das Buch heißt "The Chronoception". Das war nur eine generelle Beschreibung, um was in dem Buch geht. ... Aber so in etwa. Die Hauptperson hat auch das Problem, dass er die Welt nicht versteht. Es ist nicht seine Welt. Deshalb muss er verstehen lernen, wie die Menschen funktionieren und wird so zu einer Art Prophet. Also, es gibt Parallelen in beiden Geschichten, ein ähnliches Thema. Es geht für mich um das Gefühl der Absurdität, die sich dem Typen offenbart. Manchmal ist das Leben eben nicht so natürlich und wir fühlen uns nicht dazu gehörig. Das ist schon ein komisches Gefühl. Wie in dem Film kommt der Typ eben aus einer anderen Welt. Das haben wir eben versucht mit unserer Musik auszudrücken.

IYF: Das heißt, dass du die ganzen Texte geschrieben hast?

David: Für dieses Album ja. Das Buch war meine Inspirationsquelle. Wir haben immer eine Szene genommen und darum ein Bild versucht zu malen, einen Song zu schreiben, mit einer eigenen Stimmung.

IYF: Ist "The Serpent, the Prophet & the Whore" also ein Konzeptalbum?

Renzo: Nicht wirklich. Es hat keine richtige Story mit einem Anfang ...

David: Es sind nur ein paar Ausschnitte aus dem Buch. Also denke ich, dass man nicht von einer ganzen Story oder einen ganzen Konzept sprechen kann. Das war auch nicht unsere Absicht, eine literarische Adaption zu machen.

Matt: Nur der inhaltliche Ablauf wird eingehalten. Der erste Song fängt eben mit dem ersten Ausschnitten der Geschichte an und der letzte mit dem Ende des Buchs. Das ist schon alles. Und der letzte Song ist ein wahrer Sturm.

IYF: Hört man sich das Album an, fällt einem der hohe Grad an Verzweiflung auf, der Gesang scheint aus einer anderen Welt zu kommen und muss gegen die Gitarren, den Bass und das Schlagzeug ankämpfen. Euer erstes Album war hingegen sehr aggressiv und wuterfüllt. Diese Gefühlswelten ziehen sich jeweils durch beide Alben. Ist das so konsequent gewollt?

David: In diesem Fall liegt das an der Story. Wir haben eine Grundlage geschaffen, auf der wir weiter gearbeitet haben. Während des Songwriting-Prozesses hatten wir verschiedene Riffs, von denen wir sagten, das ist gut, aber noch nicht düster genug. Es war unsere Absicht, die Songs möglichst düster und erdrückend zu gestalten, ohne darauf zu achten, ob das ankommt oder die Hörer es nachvollziehen können. Aber das Feedback sagt, alles ist gut.

IYF: Das Thema und eure Musik scheinen sehr ernst zu sein. Bleibt dabei noch Platz für Humor und Spaß?

Matt: Klar! Ich bin ein verrückter Typ. Auf der Bühne versuchen wir, so viel Energie wie möglich freizusetzen und uns so weit wie möglich auszudrücken, aber zwischen den Songs gibt es hin und wieder mal einen blöden Spruch, um uns ein wenig aufzulockern. Wir lieben es, Unsinn zu machen. Auch wenn es das Publikum nicht immer versteht, weil unsere Musik so düster und erdrückend ist, muss hin und wieder mal ein "ho ho ho" sein. Ich bin ein Hamburger. Oder was immer in unseren Köpfen vor geht. Auch wenn die anderen denken: "What the fuck?". Das ist bei uns so, wir machen intensive Musik, können dabei aber auch Spaß haben und lustig sein.

IYF: Ihr nehmt das also alles nicht so todernst, wie es andere Bands in diesem Genre zu oft machen, die ihre Musik und Texte immer nur ganz sachlich kommentieren.

Renzo: Nein, bloß nicht. ... Es macht einfach Spaß, diese Musik zu spielen. Und das heißt nicht, dass wir die Musik nicht ernst nehmen. Was heißt das überhaupt, ernst zu sein, ernste Musik zu machen? Alle in der Band haben ihre schlechten Gefühle und Ängste, die sie in die Musik einfließen lassen, aber es macht trotzdem riesig viel Spaß, zusammen die Songs zu spielen. Wir geben immer unser Bestes und hoffen, das was Gutes dabei herauskommt. Aber nicht als Therapie oder so ... Wir haben dieselben Dämonen wie andere auch, aber wir versuchen, glücklich zu sein und Spaß zu haben.

David: Musik ist für uns die größtmögliche Freiheit, das zum Ausdruck zu bringen, was du möchtest. Das macht einfach Spaß.

Matt: Genau. Bei diesem Album waren wir nicht ganz sicher, ob es überhaupt bei den Leuten ankommt. Es ist so anders, sehr viel düsterer als das erste. Wir haben es aber durchgezogen, auf Risiko gesetzt und das gemacht, was wir wollten. Es hat Spaß gemacht, sehr viel sogar.

IYF: Ihr kommt alles aus der Schweiz, aus dem italienischen Teil ...

Matt: Nein! Aus dem französischen Teil ... (Großes Gelächter!)

IYF: Sorry. Die Schweiz ist nicht unbedingt bekannt für eine große Underground-Szene wie zum Beispiel Schweden oder die Niederlande. Von dort kommen immer sehr viele neue Bands. Wenn man an die Schweiz denkt, dann hat man Bands wie KROKUS (Gelächter!), CELTIC FROST oder CORONER im Sinn. Was geht ab in der Schweiz?

David: Das liegt zum einen an den unterschiedlichen Sprachen. Im französischen Teil gibt es auf jeden Fall eine Menge an Bands wie zum Beispiel COILGUNS und schon seit den 90ern haben wir eine sehr intakte Szene hier, aber eher nach Frankreich ausgerichtet. Dort heißt es oft schon: "Ah, das kommt aus der Schweiz! Kein Wunder, das es gut ist". Das ist so etwas wie ein Markenzeichen für die Bands aus dem westlichen Teil, aber eben nur in Frankreich, weniger in Richtung der anderen Grenzen. Aber es gibt schon einige gute Bands ...

Renzo: ... die wir aber nicht so gut exportieren. THE OCEAN COLLECTIVE haben wir, auch wenn deren Bandleader in Berlin sitzt.

IYF: Habt ihr dann trotzdem ein lebendiges Netzwerk, mit dem ihr es schafft, über die anderen Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit zu sorgen?

David: Es ist schwer, aus dem Land heraus zu kommen. Wir haben den Vorteil, wir sind mit Robin Stabbs (THE OCEAN, Pelagic Records) befreundet, ansonsten wären wir hier stecken geblieben, befürchte ich. Die Bands, die wir kennen, haben es echt schwer. Sie spielen meistens nur im französischen Teil, hin und wieder im deutschsprachigen Teil. Nur, wenn du ein internationales Label wie Pelagic hast, kommst du hier wirklich raus. Die Labels in der Schweiz haben oft nicht die Kontakte ins Ausland, wie Labels bei euch oder in den Niederlanden. Innerhalb der Schweiz gibt es aber schon ein Netzwerk. Besser sieht das mit den Clubs aus, in Lausanne haben wir den Rock Club Le Romandie, in den ungefähr 300 Leute hinein passen. Dort spielen regelmäßig große, bekannte Bands. Es entwickelt sich etwas, Swiss Style: Langsam, aber es bewegt sich.

IYF: Wie lange gibt es die Band überhaupt schon?

Renzo: Vier ganze Jahre. Mit denselben Leute und demselben Umfeld, das immer hilfsbreit zu uns steht.

IYF: Zur Zeit seid ihr mit CULT OF LUNA auf Tour, um euer Album zu promoten. Was kommt als nächstes? Schon feste Pläne?

Matt: Nein. Wir haben immer mehrere Optionen im Auge. Derzeit diskutieren wir darüber, ob wir in diesem Jahr so viel touren sollen, wie nur möglich, was wir wohl tun werden (guckt die anderen beiden an) oder ob wir an einem neuen Album arbeiten sollten.

David: Ich bin der Meinung, wir touren zu wenig. Wir haben noch ein paar Dates vor uns und das Pelagic Fest im Mai in Berlin. Danach haben wir noch ein paar Termine zusammen mit COILGUNS im September in Russland in Planung. Das ist auch schon alles, was vielleicht passieren wird.

IYF: Ihr haltet euch alle Optionen offen, was?

Renzo: Sicher ...

Matt: Sollten wir ein Angebot für eine große Tour als Support in den USA zum Beispiel angeboten bekommen, egal wohin, wir wären dabei. Oder irgendeine andere coole Band. Auf unsere Jobs müssen wir natürlich auch noch Rücksicht nehmen.

IYF: Das ist nicht der typische professionelle Ansatz Album, Tour, Album ...

Matt: Nee. Wenn wir das ganze Jahr touren könnten, das wäre echt gut. Ein neues Album zu veröffentlichen wäre dann der nächste Schritt, um in Bewegung zu bleiben. Aber nicht, wenn es nicht passt, dann würden wir uns die Zeit dafür nehmen.

Renzo: Stimmt, nichts ist schlimmer als mit der eigenen Musik unzufrieden zu sein, weder auf den Alben und noch weniger auf der Bühne.

David: Das stimmt. Ich bin so enttäuscht von vielen Bands in letzter Zeit. Die bringen ein gutes Album raus und das nächste hört sich genauso an wie das erste. Keine Weiterentwicklung. Du hast dann das Gefühl, die hätten es irgendwie eilig. Das wollen wir so nicht nachmachen. Ich bin zwar ein großer NEUROSIS Fans, aber vom neuen Album bin ich sehr enttäuscht. Das Artwork von Josh Graham ist genial, mehr aber nicht. Der ist jetzt weg und was bleibt? Nicht viel.

Es folgt noch ein kurzes Dankeschön von beiden Seiten und eine Verabredung zum After-show Bier, dann ruft der Soundcheck.

Weitere Infos zu

Neuen Kommentar schreiben

Shop

Das neue IYF-Merch - jetzt vorbestellen