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Goodbye Fairground: "Es ist irrsinnig schwierig, dem eigenen Trott zu entkommen!"

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Goodbye Fairground: "Es ist irrsinnig schwierig, dem eigenen Trott zu entkommen!"

"Was erwarte ich eigentlich vom Leben?" - Das ist eine der zentralen Fragen, mit denen sich GOODBYE FAIRGROUND auf ihrem am 29.03.2013 erscheinenden Album "I Started With The Best Intentions" beschäftigen. Bereits in einem ersten Blick auf die CD ist schnell klar geworden, dass es bei diesem Album nicht nur um die Musik, sondern auch viel um die Texte geht. Was genau es damit auf sich hat hat Frontmann Benjamin uns in einem Interview verraten.

IYF: Würdet ihr "I Started With The Best Intentions" als Konzeptalbum betiteln?

Benjamin: Ja, alles in allem würde ich von einem Konzeptalbum sprechen. Wir hatten am Anfang einen Plan und haben diesen verfolgt (vorallem in Hinsicht auf die Texte). Im Laufe der Arbeit an der Platte hat sich dieser sehr fokussierte Zugang sicherlich ein Stück relativiert, da wir eben eine Band und keine Lesegruppe sind, so dass die Musik im Zweifelsfall immer an erster Stelle kommt, aber trotzdem gibt es da eine Grundstimmung, die alle Songs gemein haben, genauso wie eine stringente Handlung.

IYF: Für das Album hast du einen fiktiven Charakter, der die Hauptrolle auf dem Album übernimmt, entwickelt. Wieviel von diesem Hauptprotagonisten steckt in dir oder vielleicht auch in allen Menschen? Was macht ihn aus, diesen Charakter? Könntest du das mal in kurzen Zügen für unsere Leser beschreiben?

Benjamin: Der Ausgangspunkt für diese Figur war es, dass ich geguckt habe, wie mein Leben wohl in ca. fünf Jahren wäre, wenn ich statt auf die Musik zu setzen, lieber mein Studium durchgezogen und eine traditionellere Karriere in Angriff genommen hätte. Da das nie wirklich zur Debatte stand, ist das alles eben rein fiktiv und das Album beginnt eigentlich in dem Moment, in dem dieser Protagonist realisiert, dass er sich falsch entschieden hat und alles daran setzt, die verlorene Zeit und die verpassten Erfahrungen nachzuholen. Die Figur ist schon eher konstruiert und es steckt eine Menge dichterischer Freiheit darin, aber natürlich auch ein Teil von mir selbst. Vielleicht sogar mehr, als ich mir wünschen würde. "Western Gold" z.B. oder "Crossing The Tan Line" basieren schon recht stark auf tatsächlichen Erfahrungen. Hinzu kommt, dass die beschriebenen Orte alles Orte meines Lebens sind, so dass es da viele Überschneidungen gibt. Ich gehe davon aus, dass sich viele Menschen in diesem Charakter wiederfinden können, da er letztendlich wie jeder andere auch seinem persönlichen Glück nachjagt und dabei immer wieder ins Straucheln gerät. Das Gefühl, dass etwas anderes vielleicht doch viel besser wäre, kennt sicher beinahe jeder. Ich natürlich auch.

IYF: Du sprichst ja nicht nur von deinen persönlichen Erfahrungen, sondern auch von denen von Bekannten und Freunden. Denkst du dieses Thema von dem Streben nach Glück oder einfach nach etwas Anderem betrifft eine ganz spezielle Zielgruppe? Wenn ja, welche denn?

Benjamin: Prinzipiell betrifft diese Suche sicherlich beinahe jeden. Die Norm ist aber wohl, dass man mit ca. 30 oder so einen mehr oder minder genauen Lebensentwurf hat, dem man dann folgt. Man hat idealerweise einen Job, eine Beziehung, einen Wohnsitz, einen festen Freundeskreis und ein oder zwei Hobbies. Das wird uns jedenfalls (nach meinem Empfinden) als Ideal verkauft. Ich könnte mir daher vorstellen, dass sich gerade die Menschen, denen genau ein solches Leben ein Gräuel wäre, in den Texten wiedererkennen. In meinem Freundeskreis sind sehr viele Musiker, die in wenig rentablen Bands spielen und ebenso wie jedes Mitglied bei Goodbye Fairground permanent vor der Entscheidung stehen: weitermachen und vielleicht scheitern oder aufhören und es vielleicht furchtbar vermissen? Ich glaube, dieses Umfeld hat mich bei vielem auch inspiriert.

IYF: Woher denkst du kommt dieses Greifen nach den Sternen und diese Angst, etwas zu verpassen? Ist das etwas, was jeder durchlebt? Und kann man es lösen auch ohne so eine Geschichte wie die deines fiktiven Charakters zu erleben? Ist ein Absturz immer nötig, um sich daran zu erinnern, dass es zu Hause am Schönsten ist und dass man ja eigentlich glücklich sein kann mit dem was man hat?

Benjamin: Ich fürchte, es gibt da kein Patentrezept. Es gibt Menschen, die nach der Sicherheit streben, die ein lukrativer Job, eine feste Beziehung usw. mit sich bringen und die glücklich und zufrieden sind, wenn sie dieses Ziel erreicht haben. Ich würde mir auch niemals ein Urteil darüber anmaßen. Für Andere gibt es nichts schlimmeres, als jetzt schon zu wissen, was vermutlich in zehn Jahren sein wird und ihr persönliches Glück ist vielleicht nicht so leicht greifbar, aber ja trotzdem nicht ausgeschlossen. Ich glaube, die Chancen, dass so ein Ausbruch wie auf dem Album gut geht, liegen bei deutlich weniger als 50%. Es ist irrsinnig schwierig dem eigenen Trott zu entkommen, finde ich. Ein Absturz ist daher vielleicht nicht zwangsläufig nötig, aber auch nicht gerade unwahrscheinlich. Ob es allerdings zu Hause am schönsten ist, liegt sicherlich zuallererst an der Definition dieses Begriffes. Für mich war "zu Hause" noch nie ein Ort oder gar ein Land, sondern vielmehr die Menschen, die auf mich gewartet haben. Sei es die Familie, die Freundin oder Freunde. Wo auch immer ich diese Menschen treffe, ist mein Zuhause.

IYF: Würdet ihr dieses Album als ein eher persönliches Stück Musik bezeichnen oder steht ihr der Geschichte von eurem fiktiven Charakter eher distanziert gegenüber? Wie nah oder fern kann Musik seinem Künstler sein?

Benjamin: Dieses Album ist für uns alle sehr persönlich. Wir haben sehr lange und hart dafür gearbeitet, daher hat es gerade schon etwas von einem Triumph endlich das eigene Album auf Vinyl in den Händen zu halten oder Texte von wildfremden Menschen zu lesen, die sich damit auseinandergesetzt haben. Von der Zustimmung bei Konzerten und dem unendlichen Luxus eines Plattenlabels mal ganz zu schweigen. Ich glaube, eine Distanz zu diesen Songs ist daher nicht möglich, vorallem auch, da viele der kleinen Episoden auch unsere eigenen Geschichten sind, verpackt in die Musik, die wir persönlich lieben.

IYF: Mir ist auch aufgefallen wie ausgereift eure Stücke klingen. Damit meine ich rund und ziemlich harmonisch, als hättet ihr so lang an euren Songs geschraubt bis jede Nuance da sitzt wo sie nun eben sitzt. Nehmt ihr euch die Zeit für eure Musik und arbeitet wirklich so lang daran bis alles gut und alle zufrieden sind? Wie lang dauert sowas in der Regel bei euch?

Benjamin: Ein unschätzbarer Vorteil dieses Albums war es, dass wir sie gemeinsam mit unserem Freund Jochen Stummbillig in seinem Kaputtmacher Studio aufgenommen haben. Jochen ist ein sehr enger Freund, der uns ziemlich gut kennt. Er weiß also zum einen sehr gut, was wir eigentlich wollen und kann zum anderen etwas unbedarfter, quasi von außen auf die Songs gucken, was uns irgendwann gar nicht mehr möglich ist. Das war für dieses Album enorm wichtig. Ansonsten schaffen wir es eigentlich immer recht schnell, Songs zu schreiben, vorallem auch, da wir uns sehr schnell langweilen und uns daher möglichst nicht lange mit einem Lied aufhalten. Der letzte Schliff dauert dafür umso länger. Wir sind leider nicht gerade die disziplinierteste Band, daher brauchen die Feinheiten immer die meiste Zeit. Ich bin mir sicher, dass wir theoretisch auch einen Song zwei Tage vor der Aufnahme schreiben könnten. Genauso wahrscheinlich ist es aber, dass wir zwei Jahre daran sitzen, bis alle damit zufrieden sind.

IYF: Geht es beim Komponieren der Stücke denn genauso harmonisch vor bei euch wie die Songs am Ende klingen? Ich habe gelesen, dass ihr bei sechs Leuten drei Gitarren in der Band habt. Alle mit ein bisschen Banderfahrung erkennen da sicher ein gewisses - nennen wir es mal "Reibungspotenzial". Gibt es da auch mal Komplikationen oder seid ihr euch immer schnell einig mit dem was ihr wollt?

Benjamin: Es gibt immer Reibungspunkte. Allerdings sind wir alle befreundet und haben eine gemeinsame Basis, die das Zusammenarbeiten meist sehr angenehm macht. Jeder bei uns weiß, dass er sein Ego zurückstellen muss, ohne sich auf der anderen Seite zu verstecken. Wir funktionieren sehr demokratisch, daher gibt es eigentlich selten ernsthafte Probleme.

Ziemlich beste Freunde zu sein hat im Leben häufiger seine Vorteile. Dass man als ziemlich beste Freunde auch ziemlich gute, um nicht zu sagen echt gute, Musik machen kann ist damit also bewiesen.

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