RENTOKILL: Punkrock ist auf kleinen Bühnen zuhause!
RENTOKILL: Punkrock ist auf kleinen Bühnen zuhause!
Mit ihrem Release "Antichorus" konnten die Österreicher RENTOKILL einen ordentlichen Punkrockkracher vorlegen. Jetzt kommen die vier wieder für einige Shows zu uns nach Deutschland und das IYF hat die Gelegenheit ergriffen, um mit Sänger Jack vorab mal über Themen wie Punkrock, Politik und Major Labels zu sprechen:
IYF: Da ihr in unseren Breitengraden ja noch nicht den wohl verdienten hohen Bekanntheitsgrad habt, stellt euch doch einfach mal kurz vor und erzählt ein bisschen was zu eurer Geschichte.
Jack (RENTOKILL): Rentokill gibt’s mit diesem Namen, diesem Drummer und der Stimme – also mir – bereits seit über 10 Jahren, aber erst mit ner Neubesetzung an Bass und Gitarre kam 2003 frischer Wind in unsere alten Punkrocksegel. Wir haben 2004 unser Debut-Album „Back to Convenience“ veröffentlicht, erst auf 2 Österreichischen Labels, und später auch auf Vitaminepillen in Deutschland. Wir waren seit damals konstant unterwegs, haben einige Touren sowie unzählige Konzertwochenenden gespielt, in insgesamt 15 Ländern in Europa. Wir konnten einige gute Support Shows spielen, und waren in Österreich Ende 2006 mit unseren Freunden Red Lights Flash auf Tour, zu deren Anlass wir auch eine gemeinsame Split LP veröffentlicht haben.
Letztes Jahr schließlich wurde das zweite volle Album aufgenommen und heuer rausgebracht.
IYF: Euer Album "Antichorus" ist seit etwas über einem halben Jahr auf dem Markt. Wie ist die bisherige Resonanz auf das Album?
Jack (RENTOKILL): Wir sind rundum zufrieden. Gerade in einer Zeit wo Plattenverkäufe rapide zurückgehen darf man nicht erschrecken wenn nicht so viele CDs verkauf werden wie das vielleicht noch vor 5 Jahren der Fall gewesen wäre. Die Reaktionen auf die Songs sind wirklich gut, wir haben zahlreiche großartige Reviews bekommen, und auch bei den Konzerten kommen die neuen Sachen gut an. Erstmals hat man das Gefühl dass einige Leute die Songs kennen, obwohl wir noch nie in der Gegend gespielt haben.
IYF: Als Neulinge kann man euch ja sicherlich längst nicht mehr bezeichnen - immerhin existiert ihr ja schon seit 1996. Bis zum ersten Demo hat es aber dann auch nochmal drei Jahre gedauert. Seit ihr einfach ganz schreckliche Perfektionisten oder hat das andere Gründe, warum man so lange auf ein neues Lebenszeichen von euch warten muss?
Jack (RENTOKILL): Nein, wir sind einfach ganz schrecklich faul. Na, im Ernst, die ersten Jahre sind ganz sicher als Hobbyband einzuordnen, und wir haben auch vor dem ersten Demo auf CD mal ein Tape aufgenommen, aber eben nie besonders viel Ehrgeiz oder Energie hineingesteckt. Mit der Aufbruchstimmung 2003 ging eh einiges sehr schnell für unsere Verhältnisse, mit 2 neuen Mitgliedern die alten Songs aufarbeiten, ein Demo aufnehmen, und nach insgesamt einem Jahr unser erstes volles Album recorden. Danach haben wir uns darauf konzentriert soviel als möglich live zu spielen, weshalb mitunter manchmal die Zeit gefehlt hat an neuen Sachen zu arbeiten. Deshalb hat es einige Zeit gedauert bis Antichorus letztendlich rauskam. Wir werden das in Zukunft auch besser einteilen, aber hey, erzwingen will man auch nix, oder?
IYF: Mit dem neuen Album seid ihr auch auf einem Label gelandet, dass sicherlich dafür bekannt ist, gute Bands zu supporten! Wie kam dieser Deal zustande? War es die erste Zusammenarbeit mit Rude Records?
Jack (RENTOKILL): Ja, ich muss gestehen dass ich davor nicht sehr viel von denen gehört gehabt hatte. Rude ist ja nicht unbedingt ein Label das für seine zahlreichen Punk-Veröffentlichungen bekannt ist, wenn man mal von ihrer Vertriebsarbeit für Nitro und SideOneDummy absieht. Wir haben Promo CDs rausgeschickt, und uns schließlich die positiven Rückmeldungen genauer angesehen. Ich hab da viel herumtelefoniert, weil Sachen per Mail abzuklären ist mir dann auch zu komisch, und Rude war von Anfang an sehr kooperativ und ist auf alle unsere Wünsche und Ideen eingestiegen. Klar war ja auch dass BrokenHeart Records die Vinyl Version machen soll, was für manche andere Labels nicht drin gewesen wäre.
IYF: Politische Punkbands sind ja heutzutage fast schon Aussenseiter in einer Musikrichtung, die jahrelang sehr politisch gewesen ist. Was bedeutet für euch persönlich der Begriff oder besser gesagt die Lebenseinstellung Punkrock? Ist es eher hinderlich oder fördernd, dass ihr politischen Punkrock macht?
Jack (RENTOKILL): Keine Ahnung ob das hinderlich ist, aber wenn das einem Veranstalter zuwider ist wollen wir auf der Veranstaltung vermutlich ohnehin nicht spielen. Ich habe aber sehr wohl das Gefühl das nach dem „Ich-will-Spaß-haben“-Poppunk der 90er sehr wohl wieder politisches Leben in den Punkrock zurückkehrt. Man hat das Gefühl als erinnerten sich viele Leute wieder daran woraus diese Musik und auch Einstellung ursprünglich entstanden ist. Andererseits schleichen sich auch Gedanken ein die sich um Ausverkauf drehen. Warum hegen plötzlich so viele Leute – auch Majors – Interesse an politischen Bands, warum werden wieder Parolen auf Fahnen geschrieben? Verkaufen, verkaufen, verkaufen. Ist doch egal. Wir machen Punkrock mit politischen Inhalten weil sich die Frage einfach gar nicht stellt. Für mich heißt Punkrock Andersein, Kritisieren, Austauschen. Die egozentrischen, diskriminierenden und zerstörerischen Seiten unserer Gesellschaft sehen und angreifen. Und natürlich daraus Energie schöpfen, und Freiheit.
IYF: Welche politischen Ziele verfolgt ihr? Was sind für euch Einstellungen, die ihr niemals aufgeben wollt?
Jack (RENTOKILL): Nun, die Lust auf was Neues muss auf jeden Fall bestehen bleiben, sei es musikalisch oder auch politisch, im Umgang mit anderen Leuten, Kulturen, Ansichten, was auch immer.
Die eigene Rolle in unserer konsumorientierten Gesellschaft ist ein wichtiger Punkt. Wir leben alle vegetarisch oder vegan, kaufen Fairtrade Produkte und so weiter. Auch die letzten T-Shirts die wir machen ließen sind garantiert fair hergestellt und nicht unnötig weit transportiert worden. Vermutlich machen solche Sachen nur marginale Unterschiede, aber aufs Kollektiv umgelegt wird sich so früher oder später etwas verändern. Und man kann sich gegenseitig austauschen und erkennen dass solche Sachen Spaß machen. Die klare Ablehnung jeglichen diskriminierenden Verhaltens ist weiters sicherlich wichtiger Bestandteil unserer Ansichten – sei es Homophobie, Sexismus oder jede andere Form der Voreingenommenheit gegenüber Randgruppen oder Fremden. Unsere Gesellschaft hat noch einiges an sich zu arbeiten bevor man den Begriff „zivilisiert“ in irgendeiner Form anwenden kann. Tja, und Musik machen natürlich, so wie sie uns in dem Moment gerade gefällt. Punkrock!
IYF: Wenn ihr ein Angebot von einem Major-Label bekommen würdet und ihr die Wahl hättet, euer Hobby zum Beruf zu machen, wie würdet ihr reagieren?
Jack (RENTOKILL): Nun, die Diskussion über Hobby und Beruf ist eine Sache, ein Angebot eines Major Labels eine andere, denke ich. Seit der Neubesetzung 2003 war klar dass wir die Band nicht als Hobby verstehen. Ein Hobby wird doch meistens verwendet um Zeit totzuschlagen, um sich etwas für sein Leben zurückzuholen oder auch –kaufen, weil man soviel Zeit mit irgendeinem Job vergeigt hat. Wir gehen arbeiten um uns die Kohle zurückzuholen die wir mit der Band vergeigt haben, haha! Ein Major-Label kann dir vielleicht momentan ein größeres finanzielles Potential zur Verfügung stellen, aber selbst wenn die dir Kohle geben damit du dich ausschließlich aufs Musikmachen konzentrieren kannst wollen die auch Ergebnisse sehen. Ich hätte Angst davor Songs schreiben zu müssen weil ich nen Abgabetermin habe, an dem möglicherweise viel Kohle hängt. Außerdem sieht man heute ganz deutlich dass auch die Majors nicht mehr bereit sind im Vorfeld Kohle reinzustecken. Es sind eben Firmen die sehen wollen dass ihre Investitionen auch potentielle Erträge liefern. Also sehen wir da kein wirkliches Potential mehr, schon gar nicht wenn sich die plötzlich an Gagen und Merchverkäufen prozentuell anhängen wollen. Fuck it!
IYF: Jetzt kommt ihr für einige Shows nach Deutschland. Sicherlich nicht das erste Mal, wie ich vermute, aber dieses Mal darf man auf gesteigerte Besucherzahlen hoffen. Was erwartet den Besucher auf einer RENTOKILL-Show?
Jack (RENTOKILL): Nun, wir sind momentan selbst sehr gespannt, nachdem wir auf diesen Shows mit einem neuen Bassisten unterwegs sein werden. Aber abgesehen davon geben wir natürlich ordentlich Gas, wie es sich für unsere Musik gehört. Es ist natürlich mitunter davon abhängig ob ein Konzert in einem kleinen Club stattfindet oder auf ner großen Open-Air Bühne, wobei letzteres auf den anstehenden Gigs eh nicht der Fall sein wir. Das Publikum macht nun mal einen großen Teil einer Punkrock Show aus, und je weiter die Leute weg sind, desto seltsamer fühlt sich das für beide Seiten an, denke ich. In diesem Sinne sind uns natürlich Shows der ersten Kategorie lieber, denn da ist der Punkrock nun mal zuhause. So oder so, hinkommen und gemeinsam Spaß haben!
IYF: Gibt es gravierende Unterschiede zwischen der Szene in Österreich und Deutschland oder sind sich beide mittlerweile relativ ähnlich?
Jack (RENTOKILL): Also ich sehe da schon Unterschiede, klar. Deutschland ist nun mal größer, es gab und es gibt mehr Bands. Deutschland hat einen ernstzunehmenden und auch eigenständig funktionierenden Musikmarkt. Das glauben zwar auch ein paar Leute hierzulande von Österreich, aber das fällt wahrscheinlich eher in die Kategorie Heimatstolz oder Geistesarmut, meist kombiniert mit zuviel Koks. Es gibt in Deutschland eine weitaus lebendigere linke Vergangenheit, viel mehr besetzte Häuser und Aktivität in der autonomen Szene, was ja wiederum ein wichtiges Standbein einer aktiven Punkrock Szene ist. Außerdem darf man das Phänomen Deutschpunk nicht vergessen, das ja über Jahrzehnte eine eigene Musikrichtung gestellt hat und das noch immer tut. Hören kann man das bei uns auch, aber die Bands kamen und kommen in erster Linie aus Deutschland. Auf der anderen Seite kann man in Österreich gute Beispiele für aktive Szenearbeit beobachten, in Graz hat seinerzeit das Conan-City-Collective ganz hervorragende Arbeit geliefert und einige großartige Bands wie ANTIMANIAX, REDLIGHTSFLASH oder BOUNZ THE BALL hervorgebracht. In Hollabrunn gibt es das Masturbation Records Kollektiv rund um den alten Schlachthof und in Wörgl die Bandvereinigung Bands United! Wien ist eher Hardcore-dominiert mit großartiger Arbeit von Capeet Records, dem YUMMY Skateshop und der Movimento Konzertgruppe rund um Walter und Latti. Es gibt sozusagen in fast jeder größeren Stadt auch Leute die Konzerte veranstalten und gute Arbeit leisten, wie zum Beispiel die Lazy Lobster Konzertgruppe aus Salzburg, rund um die Band 7 YEARS BAD Luck, die ihrerseits wieder dem NEUSTADTPUNK Bandkollektiv aus Wiener Neustadt angehört. In unserer Gegend haben zwei Typen das Neustadtpunk.net Kollektiv ins Leben gerufen, von dem wir auch ein Teil sind. Wenn man sich die Website www.neustadtpunk.net und die beteiligten Bands ansieht merkt man schon deutlich wieviel Erfahrungsaustausch und gegenseitige Hilfe ausmacht. Viele der Bands sind konstant auf Tour, konnten Labels finden und arbeiten konstant für die Sache. Alles in allem ist die Szene in Österreich sicher nicht besonders groß oder besser als andere europäische Szenen, braucht sich aber auch nicht zu verstecken. Sie ist einfach überschaubar und bietet dadurch gute Zusammenarbeit mit Leuten, die man eigentlich mittlerweile schon Freunde nennen kann. Und das ist einer der wichtigsten Aspekte einer funktionierenden Subkultur bzw. Musiklandschaft.
IYF: Welche Pläne habt ihr für die Zukunft? Darf man sich auf weitere Veröffentlichungen aus dem Hause RENTOKILL freuen?
Jack (RENTOKILL): Also, nach den Shows im November werden wir mal ein paar neue Sachen fertig machen, und uns auf Aufnahmen Anfang 2008 vorbereiten. Geplant ist ein Split Release, dazu kann ich aber momentan noch nicht mehr sagen, da es da noch einige Sachen zu klären gibt. Auch wollen wir bei der Gelegenheit gleich ein paar Songs im Hinblick auf das nächste Album aufnehmen, aber mal sehen. Wir werden natürlich weiterhin auf Tour sein soviel als möglich, es gibt so viele Orte wo wir wieder hinwollen, aber auch so viele wo wir noch nie waren. Mal sehen, vielleicht schaffen wirs ja endlich mal nach Skandinavien oder auch Übersee.
IYF: Letzte Worte:
Jack (RENTOKILL): Letzte Worte waren noch nie meine Stärke. Das hat immer so was von predigen oder so. Wir bedanken uns an der Stelle für das Interview, und wünschen euch auf jeden Fall alles Gute. Wer uns kennt weiß das wir gerne mal bei einem Bier zusammensitzen. Also vielleicht sieht man sich ja mal irgendwo, würde uns sehr freuen! Checkt unsere aktuellen Konzertdaten, da wir wieder nach Deutschland kommen für ein paar Daten. Keep it real!
jack + rentokill



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