SLIME: Wir hatten einfach das Gefühl, dass mal wieder jemand aufstehen und klare Worte finden muss.
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SLIME: Wir hatten einfach das Gefühl, dass mal wieder jemand aufstehen und klare Worte finden muss.
Wer hätte gedacht, dass das Punk-Urgestein SLIME noch mal ihren dritten Frühling bekommt. Nach der allseits euphorisch aufgenommenen Reunion 2010 brennt das Feuer stärker als erwartet und so sind überraschenderweise 13 neue Songs entstanden, die viele Fragen aufwerfen. Fragen nach dem Grund, nach dem Konzept, nach der Musik und der Zukunft der legendären Band. Diese Fragen wurden von sämtlichen verbliebenen Urmitgliedern - Christian, Elf und Dirk - im Herzen von Hamburgs Schanzenviertel auf unaufgeregte Art und Weise beantwortet, so gar nicht üblich für die Krawall-Kapelle der frühen 80er. Die drei Herren sind eben erwachsen geworden, aber im Herzen noch durch und durch Punkrock.
IYF: Seit eurer Reunion im vorletzten Jahr ist die Euphorie um SLIME richtig groß, ausverkaufte Konzerte allerorts, Interviews überall, sogar in namhaften Feuilletons, Straßenschlachten usw. Habt ihr damit gerechnet, dass die Reunion mit so viel Aufmerksamkeit von statten geht?
Christian: Nee. Tatsächlich nicht so in diesem Ausmaß. Wir haben natürlich gehofft und waren dann auch zufrieden, dass die ersten Konzerte so gut besucht waren. Damit schon eher. Eigentlich auch kein Wunder nach all den Jahren. Aber die Art, wie die Reunion aufgenommen wurde, darüber waren wir uns nicht im Klaren. Vor allem, dass auf den Konzerten, neben Leuten in unserem Alter, auch viele junge dort waren, die dann auch teilweise total durchgedreht sind. Die dann der Meinung waren, dass das jetzt ihre Zeit ist. Das hat uns total umgehauen und ermutigt, weiterzumachen.
IYF: Das heißt, ihr habt es bis jetzt in keinster Weise bereut, euch wieder zusammengetan zu haben?
Christian: Nein, kann man eigentlich nicht sagen.
Elf: Wenn uns das nicht so sehr motiviert hätte, dann hätten wir jetzt mit Sicherheit keine Platte gemacht. Dann hätten wir einfach nach der Tour aufgehört. Wir haben uns ja vorher auch nicht überlegt, jetzt fangen wir mal damit an und machen danach eine neue Platte. Das hatten wir ganz nach hinten geschoben. Überhaupt, eine neue Platte zu machen, das haben wir uns erst nach der Tour überlegt, weil wir uns gedacht hatten: Wir können doch jetzt nicht einfach aufhören. Das war so geil! Das letzte Konzert war in Hamburg in der Markthalle im Januar 2011. Das mussten wir nachschieben, weil die Nachfrage so groß war. Die Markthalle zweimal ausverkauft! Das ist doch unglaublich! Und das war so ein geiles Konzert. Wir haben uns nachher geärgert, dass wir das nicht aufgenommen haben, mit Film und Audio. Da haben wir dann endlich angefangen darüber nachzudenken, ob wir weiter machen sollen. Nur wir können ja nicht immer nur den alten Kram spielen. Das geht ja nicht.
IYF: Das machen aber viele alte Punk-Kader, vor allem aus England.
Elf: Finde ich aber nicht wirklich cool. Das ist dann ja nur ein Nostalgie-Programm.
(unnützes Fachgesimpel über Charlie Harper und UK SUBS, VIBRATORS und PETER)
Christian: Meistens läuft das so, dass diese Schiene im ersten Jahr noch gut läuft, im Jahr darauf kommen dann schon deutlich weniger Leute zu den Konzerten. Dann kommen immer weniger und man wird zu einer Zirkusnummer. Das galt für uns sowieso überhaupt gar nicht. Das war überhaupt nie Thema. Dieses eine Jahr war total super so in dieser Form. Warum wir aber auch nicht einfach wieder aufhören konnten, war, dass die Band so super funktionierte. Wir haben ja in der Markthalle und dem SO36 gespielt und haben uns gedacht: Was passiert hier eigentlich gerade? Da waren mehr als fünf Leute da. Da ging so viel mehr ab, als das die nur rumstanden, Bier getrunken und sich gesagt haben, die spielen eh nur ihr Programm runter. Das ist ja nicht so normal, was bei den Konzerten abging. Und irgendwann hat es uns gepackt.
Elf: Ja, so ist die Energie entstanden. Einmal durch die Reaktionen, die wir bekommen haben und dann durch die beiden Neuen in der Band. Das passte einfach alles, wie die Faust aufs Auge. Das war auch der Grund, warum wir die beiden überhaupt gefragt haben. Auf der Tour haben wir dann auch gemerkt, dass das einfach passt. Die beiden verstehen das Ding und stehen voll dahinter. Sicher kann man bessere Musiker holen, die zehnmal besser spielen können, aber darum geht es nicht. Vom Kopf her muss es passen.
IYF: Überraschend kam Anfang des Jahres die Meldung raus, dass es ein neues SLIME-Album mit anschließender Tour, Festivals, das volle Programm sozusagen, geben wird. People Like You Records ist ja nicht unbedingt als Deutschpunk-Label bekannt, sondern eher als Brutstätte von Rockabilly-, Psychobilly- und Rock'n'Roll-Bands. Wie ist der Kontakt zustande gekommen? Wäre es nicht stilechter gewesen, auf Aggressive Punkproduktionen zu veröffentlichen?
Christian: Der Grund war einfach, weil persönliche Kontakte da waren.
Elf: Alex kennt Tobbe schon ganz lang. Ich habe Tobbe einfach mal angequatscht, auf dem Ruhrpott Rodeo, nachdem wir unser Konzert gespielt hatten. Darauf meinte er, dass das ein geiles Konzert war und wenn wir irgendwann mal eine neue Platte machen wollen, sollen wir uns melden und darüber schnacken, was wir machen könnten. Er hat uns damals schon mal angesprochen, nicht weil er unbedingt den großen Deal erwartete, sondern weil er einfach Fan ist. Das hat man auch später in der Zusammenarbeit gemerkt. Die stehen alle voll hinter uns bei People Like You, alle, die dort arbeiten. Gerade das war für uns sehr wichtig, dass wir gemerkt haben, dass das nicht so eine abgefuckte Major-Firma ist, bei der es nur um die Zahlen und die Kohle geht.
IYF: People Like You sind doch aber irgendwie mit Century Media oder sogar EMI verbandelt?
Christian: Ihren Vertrieb haben sie dort. Das stimmt. Das wäre auch nicht das große Problem gewesen, so lange wir machen können, was wir wollen, wir die Songs aufnehmen können, die wir wollen und das Gefühl haben, dass die Leute dahinter stehen, das gut finden, was wir machen. Die können auch ihre Projekte auf dem Markt durchsetzen.
Elf: Die haben so viel Vertrauen in uns. Wir haben einen Vertrag unterschrieben, ohne dass People Like You auch nur einen Song gehört hatte. Als Tobbe dann mal was gehört hat, da waren wir schon im Studio und haben die ersten Aufnahmen gemacht. Die haben wirklich darauf vertraut, dass die Platte eine geile Nummer wird.
Christian: Wird eine super Überraschung, haben wir denen gesagt. Wir proben schon und machen eine richtig geile Jazz-Scheibe. Die haben dann lange Gesichter gemacht. Da wurde uns klar, die wussten so gar nicht, wo wir stehen. Wir waren schließlich 18 Jahre lang weg. Haben wir noch die Energie? Dieselbe, wie damals auf der Bühne? Ein Vabanque-Spiel. Ganz so war es nicht. Wir hatten ja einige Konzerte mitgeschnitten, unter anderem beide im SO36, Hamburg und noch eins in Bremen von der Tour 2010. Das haben die gehört und dann war denen schon klar, dass das ein großes Ding war.
IYF: Wie lief das Songwriting mit der neuen Besetzung?
Christian: Mittlerweile macht man das ja anders als früher. Damals haben wir alle im Proberaum gestanden, die ganze Band. Dann hatten wir auch irgendwann die erste 4-Spurmaschine. Heute macht man das ja mit Drum-pattern, die du zusammensetzt, spielst die Gitarre aufs Band, schön alles zu Hause am Schreibtisch, als Demo, an dem du noch rum schnippeln kannst. Dann kann ich auch schon mal die Lieder singen, denn Dirk kann keine Noten lesen und kann sich so an den Melodien, die ich dann vorgegeben habe, lang hangeln. Christian und ich haben also die Songs geschrieben, ich die Texte als Demo eingesungen, dann muss Dirk noch die Texte auswendig lernen. Das kann er wirklich gut. Daran haben wir wie lange gearbeitet? Ein halbes Jahr haben wir daran rum gebastelt.
Christian: Ja, so um den Dreh. Das war ganz klassisch. Wir haben die Songs geschrieben, haben die Texte ausgesucht, alles soweit vorbereitet und das dann der Band präsentiert. Vorher war schon abgesprochen, dass wir was vorspielen. Die Richtung war auch klar. Danach ging es darum, die Songs mal zu proben und dann gemeinsam mit allen anderen die Songs auszuarbeiten. Das war eigentlich schon eine Punktlandung mit den Liedern.
IYF: Ihr habt für das Album keine eigenen Texte geschrieben, sondern welche von Erich Mühsam, einen Arnarchisten und Kabarettisten, der von den Nazis ermordet wurde, übernommen. Habt ihr die Texte schon vorher ausgesucht oder habt die nachher zu den fertigen Songs ausgewählt? Geguckt, ob die zum Rhythmus, zum Groove passen?
Christian: Das ist schon eher zufällig passiert.
Elf: Ich hatte schon drei, ich glaube sogar vier Nummern als Demo fertig. Es gab auch schon mal einen Song - das „Soldatenlied“ - bei RUBBERSLIME. Die Idee habe ich dann einfach wieder aufgegriffen. Denn wir mussten uns die Frage stellen, wer für uns die Texte schreiben soll. Stefan Mahler war nicht mehr dabei. Der hat die ganzen Texte für die „Schweineherbst“ geschrieben. Wir alle sind nicht so großartige Texter, als dass wir das gleichwertig hin bekommen hätten. Kann man aber auch machen wie DIE TOTEN HOSEN, Leute von außen mit rein holen, die dahingehend helfen. Da die Idee mit dem Mühsam schon mal da gewesen ist, haben wir uns dafür entschieden. Da wir alle den Autor auch schon länger kannten, war die Idee geboren, dass man die Texte auch mal vertonen könnte. Das könnte vielleicht sehr gut passen. Ich habe dann drei, vier Nummern angeboten, die Texte rausgesucht, den anderen vorgespielt, wie sich das anhören könnte und dann haben wir gesagt: Das ist es! Und von ihm gibt es ja noch viel mehr Texte, aus denen wir aussuchen konnten. Bei den restlichen Songs, die Christian und ich geschrieben haben, haben wir auch mal zuerst einen Text ausgesucht und mit der Akustikgitarre dazu rum geklimpert. So was einem dazu eingefallen ist.
Christian: Eigentlich war schon der Text zuerst da. Auch nach der Frage nach einem neuen Album, ja oder nein, nicht nur weil es gerade gut läuft mit der Band. Mit unserer Geschichte wollten wir noch mal alles in die Waagschale werfen, uns absolut lächerlich oder eine richtig geile Platte machen. Dann aber auch, wie SLIME das schon immer gemacht hat, mit klaren und einfachen Worten. Das war uns ganz wichtig. Als die Idee mit den Mühsam-Texten da war, haben wir natürlich entsprechend zu der aktuellen Zeit die Texte ausgesucht.
IYF: Es war also nicht von Anfang an die große Idee, ein Konzeptalbum zu machen.
Christian: Nein, überhaupt nicht. Wir wollten ihn nicht in seiner Gänze abbilden, sondern wir haben uns das, was wir für unsere Platte brauchten, raus gesucht, damit sie auch zu einer SLIME-Platte wird.
Elf: Es ist ja bei den Texten so abgefahren, dass sie zur jetzigen Zeit passen. Da kannst du dir diesen Lyriker nehmen, baust die Texte ein wenig um, für „Bürgers Albtraum“ habe ich einen Refrain dazu geschrieben, weil da nichts dabei war, was man als Refrain benutzen konnte und es passt. Wir brauchen ja immer einen guten Refrain, eine knallige Zeile als Wiedererkennung für den Song. Insgesamt konnte man das mit vielen Texten auch einfach so machen, wie zum Beispiel „Wir geben nicht nach“, „Sich fügen heißt lügen“. Die heißen im Original ganz anders. Wir haben einfach eine Zeile genommen, die ein guter Slogan, eine gute Parole hergibt und haben daraus den Refrain gemacht und zugleich als Songtitel genommen. Wir haben uns das einfach so angeeignet. Wenn er noch leben würde, hätten wir ihn gefragt: „Herr Mühsam, wollen Sie nicht ein paar ihrer Texte für uns umzuschreiben oder ganz neue schreiben.“ Der wäre dabei gewesen. Wer sich die Lebensgeschichte von ihm genauer anguckt, der war schon so wie ein Punk, ein Outlaw, der überall angeeckt ist, sogar bei der Kommunistischen Partei, wo er nach drei Monaten wieder rausgeschmissen wurde, weil er denen gesagt hat, dass sie auch nicht besser sind, auch das Führerprinzip haben, mit Lenin vorne weg. Damit ist er natürlich auf Widerstand gestoßen. Raus! Ist halt ein Anarcho gewesen, der gute Mühsam.
IYF: Ich habe ja auch schon die neuen Songs gehört und bin durchweg positiv überrascht. Die klingen einfach nach SLIME. War es nach 18 Jahren schwer, typische SLIME-Lieder zu schreiben? Oder ist das schon so sehr im Blut drin?
Christian: Ich habe damals zu Elf gesagt, als wir uns dazu entschieden haben, das müssen alles Pop-Punk-Stücke, alles Hits werden, ohne überhaupt zu wissen, was das genau bedeutet. Die Songs müssen einfach gut werden! Eigentlich haben wir das gemacht, was wir immer machen. Da ist schon viel Abwechslung dabei. Die Songs sind ja nicht am Reissbrett entstanden mit den genauen Überlegungen, da nehmen wir den Stil, da den Drumbeat oder solche Gitarrenriffs müssen wir nehmen. Das ist so im Fluss entstanden. Ganz natürlich.
IYF: Die Songs sind auch größenteils sehr schnell ausgefallen, gehen in die Vollen, sind aber auch sehr melodisch und gehen sehr schnell ins Ohr. Damit rechnet man bei „alten“ Veteranen nicht unbedingt.
Christian: Darauf haben wir schon geachtet. Das wollten wir auch. Da mussten einfach ein paar richtige Knaller dabei sein. Die Produktion ist zum ersten mal so angelegt, dass unsere Stärken ganz deutlich zum Tragen kommen. Es ist alles live aufgenommen worden, mit Ausnahme das Gesangs natürlich. Es haben alle im Aufnahmeraum gestanden und wir haben so lange geprobt, bis alles perfekt war. Alles sehr direkt. Ich glaube, das ist auch das, was die Songs ausmacht.
Elf: Was auch nicht unwichtig ist, das hat mir einer gesagt - ich glaube das war der Typ, der meine alte Gitarre gekauft hat - dass die beiden Originalgitarristen noch dabei sind. Der hört wohl immer viel auf die Gitarren. Klar, wenn nur Christian oder nur ich dabei wären mit irgendeinem anderen Typen, wie zum Beispiel Ole von den DIMPLE MINDS, der viel metallischer spielt, dann wäre der typische Sound nicht so entstanden. Total wichtig. Christian spielt zwischendurch gerne mal schrägen Noise-Kram, während ich ja eher den straighten Rock'n'Roll-Part spiele. Das ergibt so ein spezielles Bild, das wir auch schon auf der „Schweineherbst“, teilweise auch schon auf der „Viva La Muerte“ hatten. Das wäre nicht da, wenn wir beiden nicht dabei wären. Fällt eben vielen nicht so auf, erst wenn wir nicht dabei wären wahrscheinlich. Nici kann aber auch richtig anheizen. Die knallt die Achtel raus, das ist voll Punkrock, wie Dee Dee Ramone. Auch wichtig für die Songs.
IYF: Kommen wir noch mal zu den Texten und Erich Mühsam. Wie kommt man auf diesen Mann?
Christian: Na ja, in der politischen Szene, in der Literatur und Musik ist der kein ganz Unbekannter. Der läuft einem dann schon mal über den Weg, wenn man sich mit politischer Geschichte beschäftigt. Ich muss aber zugeben, ich habe ihn nicht so gekannt. Es war tatsächlich so, dass Elf ihn mal aufgegabelt hat und auch schon mal einen Song gemacht hat. Da war dann schon mal eine Verbindung und dann haben wir uns auch etwas mehr mit ihm beschäftigt. In der weiteren Lektüre haben wir dann festgestellt: Der gehört in unsere Mitte. Auch vom Typ her. Nicht nur aufgrund seiner Texte, sondern aufgrund seines Lebens, wie er es geführt hat und der Tatsache, dass er immer so außen vor gewesen ist. Er wurde ja boykottiert, er wurde nicht gedruckt, er war im Knast. Er hat einen großen Teil seines Lebens gegen die Mühlen angekämpft.
Elf: Es gab im Metallager in Hamburg mal eine ganz schräge Combo in den 80er Jahren, SOILENT GREEN. Super Typen, musikalisch waren die nicht so weit vorn, aber die haben auch ein ganzes Konzert gespielt mit zehn, zwölf Mühsam-Vertonungen auf ihre ganz eigene hardrockige Art. Der Michi, der Sänger, wollte das damals unbedingt machen, weil er ein totaler Mühsam-Fan war. Zu der Zeit damals habe ich das zum ersten Mal in den Kopf bekommen. Das muss so Mitte der 80er gewesen sein. Ich habe dann den einen oder anderen Text wahr genommen. Seitdem schwirrt die Idee schon rum, dass man das noch mal mit einer „besseren“ Band machen könnte, einer Punkband. Das passt ja auch besser. Ich habe mich noch in einigen Foren schlau gemacht und bin auf einen Typen gestoßen, bei dem wurde mir sofort klar, das war Soilent-Michi.
An dieser Stele vollzog sich ein Schichtwechsel, Christian und Elf machten Platz für Dirk, der noch ein paar Fragen über sich ergehen lies, bevor wir mit einem Klönschnack den offiziellen Teil hinter uns ließen.
IYF: Moin Dirk, was hältst du von den Abertausenden von Punkbands, die heute den Planeten bevölkern? Ist bei der Masse nicht ein wenig die Message verloren gegangen? So richtig viele Bands gibt es nicht mehr, die sich weit aus dem Fenster lehnen mit ihrer Meinung, oder? Ist das unter anderem ein Grund dafür, dass ihr SLIME über das Jubiläum hinaus weiter macht?
Dirk: Ach, das ist mir doch ein wenig zu negativ. Wir spielen ja auch mit den LOKALMATADOREN, den KASSIERERN oder EISENPIMMEL zusammen. Sicherlich gehören wir zu denen, die die Aussage machen. Auch über die Szene hinaus hatten wir so ein Gefühl, dass eine Entpolitisierung stattfindet. Es kommt REVOLVERHELD oder JENNIFER ROSTOCK, wenn du Alsterradio oder so anschmeißt. Das ist aber nicht unser Ding. Wir hatten einfach das Gefühl, dass mal wieder jemand aufstehen und klare Worte finden muss. Wobei es darf auch nicht alles politisch sein. Auf keinen Fall. Das wäre ja grausam. Aber es geht darum, wer kann in der Breite eine Aussage treffen, die auch gehört wird.
IYF: Wie stehst du als Sänger zu den Texten von Erich Mühsam?
Dirk: Ach, die sind schön bissig und satirisch. „Der Revoluzzer“ besonders, gewidmet der deutschen Sozialdemokratie.
IYF: Mitte Juni kommt „Sich fügen heißt lügen“ raus. Was ist dann konkret geplant?
Dirk: Eine Tour natürlich. Das ist der nächste Schritt. Vier Festivals, für die anderen kommt die Platte zu spät raus. Die wollten erst mal gucken, was für Lieder wir haben. Und dann eine Tour, wie vor zwei Jahren jeweils immer donnerstags, freitags, samstags. Und man muss sagen, dass wir dann immer dreimal mindestens 90 Minuten raus hauen, wobei jede Jungspund-Band nach 45 Minuten die Segel streicht. Wir wollen damit ja auch weiterhin gegen den Trend setten, auch mit den Eintrittspreisen. Manche angesagte Namen nehmen 24 oder sogar 26, wir nur 17 Euro. Als wichtigste also die Tour. Dann sind wir auch ein ganzes Stück schlauer, ob die Scheibe angenommen wurde. Da stehen wir momentan vor einem Fragezeichen. Auch weil wir mit dem Mühsam-Ding einen speziellen Weg beschreiten. Ich habe jetzt selber ein paar Pre-Listenings zu Hause mit Freunden und Bekannten gemacht. Das war der Hammer, drei Stunden später sagten die immer noch: Mach noch mal die „8“ an, noch mal die „11“. Aber reicht das, um davon auszugehen, dass wir mit der Scheibe Erfolg haben werden? Nein. Insoweit sind wir noch nicht so richtig schlauer. Aber wir werden jetzt erst mal richtig durchziehen. Das ist schließlich das erste SLIME-Album nach 18 fucking Jahren! In den nächsten Monaten kann man mit uns rechnen! Auf jeden Fall! Mehr kann ich aber nicht sagen, weil wir nicht wissen, wie das Album abgehen wird. Ich habe da so einen persönlichen Deal mit Thees Uhlmann mehr oder weniger laufen. Thees war auf der 4 und ich will Thees schlagen. Denn dann muss er nach dem nächsten St. Pauli-Spiel den Suff bezahlen. So, und das ist doch ein Grund, uns voll rein zuhängen, Thees zu schlagen.
IYF: Na, dann wünsche ich dir und der Band viel Erfolg. Wir werden uns dann in der Markthalle sehen.
Dirk: Auf jeden Fall. Danke für deine Zeit.
Mehr Infos zum Thema Erich Mühsam findet ihr im Netz:
http://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Mühsam
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/MuehsamErich/index.html
http://www.erich-muehsam.de/
http://www.muehsam.de/
http://www.muehsam-tagebuch.de/tb/index.php
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