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SMOKE BLOW - Somewhere back in Time

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SMOKE BLOW - Somewhere back in Time

SMOKE BLOW - Somewhere back in Time

„Our concept is not compromising“ – es ist 1983 in Eugene, der mit zärtlichen 150.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt des US-Westküstenstaats Oregon nördlich von Kalifornien. Henry Rollins, damals noch mit halblangen Haaren, sitzt auf einem ausgesessenen Sofa und bemüht sich halbwegs ausführlich und freundlich auf die Fragen zu antworten, die ihm Maija Wilder und eine zweite Dame stellen, die sich Pammykill nennt.

Rollins, damals 22 und seit zwei Jahren Sänger von BLACK FLAG ist im Rahmen des NonStop-Tourmarathons mit BLACK FLAG nach Eugene gekommen, wo Wilder und Pammykill seit geraumer Zeit die TV-Sendung „The Monoettes Show“ moderieren und in diesem Rahmen Bands interviewen, die in Eugene auftreten. Im Rahmen dieses Interviews fällt das eingangs genannte Zitat, das Rollins als Antwort auf die Frage gibt, welche Kompromisse man als Hardcore-Punk Band eingeht – damals, in der Blütezeit des US-Westküstenhardcores.

Nun, wie wir alle wissen, ist diese Blütezeit längst Vergangenheit. 27 Jahre und unzählige Modewellen später, die das Verständnis davon, was Punk und Hardcore eigentlich sind, immer wieder herausgefordert haben, sind auch BLACK FLAG längst Geschichte. Was nichts dran ändert, dass die Band zu Jack Lettens absoluten Lieblingsbands gehört, deren „Damaged“ für den Kieler eines der besten Alben aller Zeiten ist. Etwas mehr als zweieinhalb Dekaden nach dem zitierten Rollins-Interview sitzen er und MC Straßenköter, neben Letten zweiter Sänger von SMOKE BLOW, im Dezember 2009 im Berliner Ramones Museum auf ähnlich durchgesessenen Sofas wie einst Rollins in Eugene, um über das neue SMOKE BLOW-Album „The Record“ zu sprechen. Dieses Album könnte man, grob vereinfacht, so beschreiben: es ist ein Old School Hardcore-Album, das dezente metallische Moment hat. Dezent deswegen, weil SMOKE BLOW auch auf dem siebten Album „keinen Metalcore“ spielen wie Straßenköter betont. Sondern, weil SMOKE BLOW die metallischen Momente am Rande einfließen lassen, so dass die Songs vereinzelte Härtemomente a la SICK OF IT ALLs „Death To Tyrants“ oder – für die Kenner früheren Generationen – JUDGE und YOUTH OF TODAY haben. Die musikalische Richtung von „The Record“, dem zweiten Album der Kieler für PIAS Recordings, offenbart aber auch die Parallelen in den Herangehensweisen, die man nach sieben Alben zwischen BLACK FLAG und SMOKE BLOW ziehen kann.

[img_assist|nid=15992|title=|desc=|link=node|align=right|width=162|height=200]Denn das eingangs genannte Zitat war keine Phrasendrescherei. Dass BLACK FLAG keine Kompromisse machen würden, war spätestens mit „My War“ klar: Die Band begann zu experimentieren, ließ Doomeinflüsse in ihren Hardcore einfließen und verlor sich später (auch nach Rollins Ausstieg) gar völlig in Jazz- und Progspielereien. Zwar beobachtet man bei SMOKE BLOW keine solche radikale Transformation. Trotzdem finden sich in ihrer Diskographie bemerkenswerte musikalische Wechsel: Nach ihren Frühwerken „Smoke’s A – Blowin‘ Black As Coal“ und „777 Bloodrock“ bezeichnete man ihren Sound als Doom-Stoner-Punkrock. Ihr Drittwerk „Punkadelic – The Godfather Of Soul“ platzte vor gutem Punk, sein Nachfolger „German Angst“ hingegen war – ähnlich wie heute „The Record“ – ein 80er Jahre Hardcore-Album, an das sich ein düsteres Wavepunkalbum („Dark Angel“) und das sehr melodische „Colossus“ anschlossen. Nach zunehmend melodischen Alben liegt mit „The Record“ nun also ein Wechsel, manchen würden sagen: eine Rückkehr, zu den musikalischen Ideen von „German Angst“ vor. Im Lichte der vorangegangenen melodischen Alben sieht man hier aber auch die Parallel zu BLACK FLAG bzw. dem erwähnten Zitat: Keine Kompromisse, weil man sich nicht wiederholen will. Letten dazu: „Mit ‚Dark Angel‘ und ‚Colossus‘ hatten wir zwei Platten gemacht, die sich in ihrer Struktur recht ähnlich waren. In meinen Augen lag das vor allem an den sehr melodischen Gesangslinien, die wir für „Dark Angel“ und „Colossus“ geschrieben haben. Solche Gesangslinien sind mit zwei Sachen verbunden. Auf der einen Seite hat ein Sänger meiner Meinung nach nur ein begrenztes Potenzial, solche Gesangslinien zu machen. Du kannst verschiedene Arrangements ausprobieren, verschiedenen Höhenkombinationen machen und damit auch gut zwei Alben füllen ohne dich zu wiederholen. Aber irgendwann hast du das Spektrum einfach ausgeschöpft. Dann gibt es keine weiteren Kombinationsmöglichkeiten, keine neuen Ideen, sondern du beginnst dich zu wiederholen. Damit in Verbindung steht, dass es durchaus schwer ist, solche Stimmführungen zu schreiben. Die melodischen Gesänge von ‚Dark Angel‘ und ‚Colossus‘ sind ja nicht einfach vom Himmel gefallen. Wir haben – im Gegenteil – sehr viel Kopfarbeit reingesteckt, um sie zu schreiben. Hätten wir nun eine dritte Platte a la ‚Dark Angel‘ und ‚Colossus‘ gemacht, wären daraus in meinen Augen zwei Probleme entstanden: Wir hätten uns wiederholt, weil wir unser Spektrum an Stimmführung mit den beiden vorherigen Alben abgeschöpft hatten. Und eine weitere Platte dieser Art hätte extrem verkopft geklungen, weil wir verkrampft versucht hätten, alte Melodiefetzen miteinander zu kombinieren, um einen neuen Song zu erzeugen“. Beides hätte, da sind sich Straßenköter und Letten einig, zu einem Album geführt, das keine Energie mehr transportiert hätte, weil es nicht mehr aus dem Bauch gekommen wäre. In diesem Fall, so Letten: „hätte ich nicht mehr in den Spiegel gucken können“. Der Spaß, so der Sänger, der hauptamtlich Kindergärtner ist, wäre einfach weg gewesen.

[img_assist|nid=15993|title=|desc=|link=node|align=left|width=200|height=164]Auch deswegen besann sich die Band darauf, auf „alte Einflüsse“ (Letten) zurück zu greifen. „Alte Einflüsse“, das bedeutet im Falle von „The Record“ die Wiederkehr zu den hardcorelastigen Ideen, die schon das 2003er „German Angst“ prägten. Also nichts anderes als Einflüsse von FEAR, AGNOSTIC FRONT, POISON IDEA, DISCHARGE den bereits erwähnten SICK OF IT ALL und JUDGE, sowie – vereinzelt und natürlich auch – BLACK FLAG. Gleichzeitig griff die Band für „The Record“ aber auch auf metallische Einflüsse a la DOOM, INTEGRITY und ENTOMBED zurück. „Wir sind mit allen diesen Bands aufgewachsen. Ich glaube daran, dass die Musik, die du in jungen Jahren hörst immer irgendwie in dir drin bleibt und dich prägt. Wir haben eben viel Punk, Hardcore und Metal gehört, weswegen wir diese Stile und die Bands immer noch verkörpern. Ich denke, dass das auf ‚The Record‘ wirklich schön rauskommt“ führt Straßenköter aus. Andererseits ist diese Platte aber auch genau deswegen die härteste aller sieben SMOKE BLOW-Alben. Sie orientiert sich kaum an den Melodien ihrer Vorgänger, bricht in weiten Teilen sogar radikal mit ihnen. „Das ist egal, nur weil die Alben gut funktioniert haben und ein paar Leute zu den Shows gekommen sind, würde es uns keinen Spaß machen, noch so ein Album zu schreiben.“

Mit dieser Aussage bringt Letten das Thema Kompromisslosigkeit – ob gewollt oder ungewollt – wieder auf den Tisch. Und damit auch die Ähnlichkeit in den Herangehensweisen von SMOKE BLOW und BLACK FLAG. Zwar sollte man sich vor allerlei plakativen Aussagen wie „SMOKE BLOW sind die deutschen BLACK FLAG“ hüten. Sie würden a) dem Zeitgeist und b) den Ideen der Kieler sicherlich nicht gerecht. Dennoch ist es bemerkenswert, dass sich SMOKE BLOW erneut von einem Sound frei geschüttelt haben, den sie auf zwei Alben eingeschliffen hatten, was ihrer Zeit eben auch BLACK FLAG taten. Das Konzept dieser Band, wenn es denn eines gibt, kann demnach nur eines sein: Interessant bleiben. Das ist ihnen mit Bravour und einem tollen, harten Album gelungen. Rollins wäre stolz – da bin ich mir sicher.

Kommentare

Bild des Benutzers chris234

black flag blablabla sülz sülz, was soll denn diese kacke???

Bild des Benutzers Werner

<p>Also irgendwie verstehe ich den Kommentar nicht so ganz...kannst du "diese kacke" irgendwie präzisieren?</p>

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