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Punk Rock Holiday 1.4

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Punk Rock Holiday 1.4

Sommerzeit = Urlaubszeit (Vorwort)

Alle Jahre wieder prügeln sich die Erholungssuchenden in ein alltagsfremdes Paralleluniversum, um einige Tage wohl verdient die haarigen Eier zu schaukeln. Die Wahl des entsprechenden Fletzplaneten fällt da je nach persönlicher Befindlichkeit oder auch der gesellschaftlichen Klasse unterschiedlich aus.

Der ideenlose Durchschnittsfuchs patrouilliert in der Unterbuxe auf dem heimischen Urinpolster, Gevatter Wurstseppel aus der Reihenhaussiedlung kesselt in der türkischen Pauschalhölle die Bierattrappen-Flatrate nieder und Tante Heidrun krebst mit der Handarbeitskolonne auf Selbstfindungssuche den Hühneraugenweg des heiligen Jakob entlang.

Alles schön und gut, wenn man die 60 Lenze seit 20 Jahren hinter sich und mit dem Leben in seiner schönsten Form prinzipiell abgeschlossen hat.

Wer noch Feuer im Herzen und Sprit im Blut hat, der verbringt die schwüle Zeit des Jahres auf der brustbehaarten Seite des Planeten und schiebt seinen formvollendeten Kadaver in Richtung eines krach- und alkoholinduzierten Gemeinschaftsvergnügens.

Urlaubszeit = Festivalzeit (Einleitung)

Also packen wir Wechselschlüpper und Bandshirts in unsere Tornister, verstauen Schlafsack und Matratze in den Lufteinschlüssen, klemmen einen klapprigen Klappstuhl mit Bierdosenhalter an die Seite und binden das Ganze absturzsicher auf die gewirbelte Säule. Das Dreikammerzelt liegt noch von vor zwei Jahren im Kabuff herum und wird mit Hoffnung auf minimalen Schimmelbefall ebenfalls unter die Achsel gepfropft. Als Kommunikationsbeschleuniger und Action-Jackson für die Anfahrt wird dem Equipment schlussendlich noch eine Mannschaftsration Frankfurter Äppelwoi beigeordnet.

Weil Festivals nun mal nur Spaß und Sinn machen, wenn die eingeladenen Kapellen die Folklore wiedergeben, die auch daheim als Wandbeschallungen dienen, muss es natürlich eine zweckdienliche Pogo-Sause mit Partypotential sein. Und  da der Tellerrand, infolge jahrelanger, einheimischer Festivalkost, etwas abgekaut ist, schauen wir einmal in den grenzübergreifenden Forst. Denn bestimmt kratzt sich auch dort irgendwo ein anderes Spaß-Schwein an der erhabenen Punkrock-Eiche.

Unsere Wahl fällt auf das beschauliche Slowenien. Die 2 Millionen-Republik zwischen Österreich und Kroatien ist ein Geheimtipp für jeden Reisenden, der den kommerzialisierten, westeuropäischen Einheitsbrei satt hat und inmitten fantastischer Landschaften und liebenswerten Einheimischen mal wieder gepflegt menscheln möchte.

Dass die grüne Republik im Herzen Europas nicht nur schön, sondern auch überaus laut sein kann, behauptet seit einigen Jahren ein leicht zu übersehendes Festival am Südrand der Julischen Alpen. Seit 2010 lädt ein kleiner Kreis enthusiastischer Punkrock-Verehrer ins 4000-Seelen-Örtchen Tolmin, um die Kultur der drei Akkorde in Slowenien zu erhalten. Um den Musikern und dem grölenden Fanpersonal den Aufenthalt möglichst angenehm zu gestalten, hat man sich eine Liaison aus hochkarätigen Bands und einem lauschigen Urlaubsflair auf die Fahnen geschrieben. Hier soll der Name Programm sein: Punk Rock Holiday.

In seiner inzwischen vierten Auflage glänzt das Festival schon auf dem Papier mit einem außergewöhnlichen Line-Up. Szenegrößen wie NOFX, Lagwagon, Sick of it all, Ignite und H2O lassen sich nicht lumpen, alte Hasen vom Schlage der Real McKenzies, Bane, The Toasters oder SNFU bitten zum Tanz und werden von relativ jungen Überfliegern wie Talco, Templeton Pek, den Gnarwolves oder August Burns Red unterstützt. Dazwischen tummeln sich wohltönende Leckerbissen kredenzt von Reel Big Fish, Authority Zero, den Adolescents, Raised Fist, A Wilhelm Scream und Leftöver Crack. Insgesamt liest sich die Mannschaftsaufstellung des Punk Rock Holiday wie ein riesiges Familientreffen der Dynastien Punk, Hardcore und Ska. Jedem, der sich hier musikalisch gut aufgehoben fühlt, sollte schon beim Lesen des Bandkataloges der Speichel in Strömen fließen.

Neben der exquisiten Beschallerie werben die Festivalmacher mit einer tollen Landschaft, einem riesigen, natürlichen Planschbecken für ausgedehntes Relaxieren sowie einer entspannten Atmosphäre unter feierwütigen Gleichgesinnten, ohne großes Maßregeln oder übertriebene Beschränkungen. Ein Urlaub mit guter Musik soll es werden. Man darf gespannt sein.

Festivalzeit = Schmetterzeit (Hauptteil)

Aus Deutschland reisen wir mit dem Bus an. Gegen die Tristesse der Vordersitze hilft ein Blick aus dem Fenster, hinter dem man die majestätischen Alpen und schick bewaldete Ebenen beäugen kann. Gegen die Trockenheit der Kehle sowie die geistlosen und geruchsintensiven Ergüsse  einer stumpfen Schönwettersauftruppe auf der hinteren Reihe hilft die bereitgestellte hessische Apfelplürre. Der Plan geht auf und wir erreichen gegen Abend angeschossen die slowenische Hauptstadt Ljubljana.

Nun geht es erstmal in Richtung Hostel, um wenigstens für den Rest des Tages mal wieder eine gesunde, buckelfreie Körperhaltung einnehmen zu können. In der Folge des Abends wird unsere Zwischenetappe erstmal ausgiebig erkundet und es stellen sich die ersten Erkenntnisse der Reise ein: große Pizza bedeutet wirklich große Pizza, der gute Schnaps steht immer unten rechts auf einer Karte und warum zum Geier haben wir vorher noch nie von dieser wunderschönen, gemütlichen Stadt gehört?

Dicht wie eine Raumkapsel entern wir zu später Stunde das Hostel, um eine Mütze Schlaf für die bevorstehende Weiterfahrt nach Tolmin zu bekommen. Nach einem ausgiebigen Weißbroteifrühstück geht es dann am nächsten Morgen mit dem Zug in Richtung Westen. Diese Fahrt erschien uns schier endlos, da der Bierbeauftragte eine eklatant fahrlässige Biermitnahmestrategie verfolgte (vier halbe für drei Personen). In den knapp drei Stunden fließt ausschließlich der Schweiß in Strömen. Irgendwann fällt man mit einer Horde anderer Punkrock-Jünger aus einem viel zu kleinen Zug auf den Bahnsteig des Dorfes Most na Soči. Dort wartet man auf den Bus. Kein Shuttle-Bus-Irrsinn wie auf pompösen Mainstream-Festivals. Nein, man wartet geduldig auf den örtlichen Linienbus. Der fährt nach einer Wartezeit von drei Dosen Billigbräu aus dem Bahnhofskonsum irgendwann am Haltepunkt ein und chauffiert eine Meute bunt geschmückter Festivalgäste, mit Kurvengeschwindigkeiten die der Bahngeschwindigkeit eines Satelliten auf geostationärem Orbit gleichkommt,  zur finalen Destination.

Kurze Zeit später wird man in einem niedlichen Städtchen abgeworfen, welches, gesäumt von imposanten Alpenausläufern, zuerst mit seiner idyllischen Abgeschiedenheit und unaufgeregten Normalität punkten kann. Überall in der Stadt hängen riesige Bilder mit Fotos der Metaldays, einem nicht weniger spannenden Hartwurstfestival, welches hier zwei Wochen vor dem Punk Rock Holiday stattfindet. Mit Sinn und Verstand kooperieren beide Festivals miteinander und nutzen so die gegebenen Örtlichkeiten optimal aus. So wird die gesamte Infrastruktur und eine Bühne der Metaldays einfach vom Punk Rock Holiday weitergenutzt. Das bringt auch für das Städtchen viele Annehmlichkeiten, da Besucher über viele Wochen hinweg ihr Geld in den Geschäften, Bars und Restaurants lassen. So fällt schnell auf, dass die Einheimischen dem nonkonformistischen Pack sehr wohlgesonnen sind. Und das nicht nur aus wirtschaftlichen Erwägungen, sondern weil die Open Air - Sausen inzwischen Teil der hiesigen Kultur geworden sind. Als Gast fühlt man sich willkommen, ohne eine übertriebene Hysterie der Kategorie Wacken zu spüren.

Vorm Betreten der neuen sechstägigen Heimat weicht der Euphorie erstmal die Tristesse des ewigen Wartens am obligatorischen Bändchencontainer. Nachdem man die Tortur des organisatorischen Krams (Festivalbändchen, Chip-Bezahlkarte, Müllsäcke) dort erledigt hat, geht es auf die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz.

Erfahrene Festivalbesucher kennen das Prozedere. Ein riesiger, platt gebügelter Acker wird in Parzellen untergliedert. Security-Personal checkt die Habseligkeiten der Gäste auf der Suche nach Glas, Waffen und bewusstseinserweiternden Stimulanzien und schleust den Tross dann in Richtung einer abgesperrten Wiese, wo man das Zelt oder Iglu dann bitteschön vorschriftsmäßig in der Erdboden zu heringen hat.

Bekannt? Drei Kreuze gemacht, wenn man am Auto zelten darf und die Bierfässer nicht mit der Sackkarre kilometerweit asten muss? Ihr wisst Bescheid?

Vergesst das alles! Schon beim feierlichen Ersteinlauf wird einem die Andersartigkeit dieses Festivals klar. Hier ist das einzige Indiz dafür, dass man gerade auf dem Camping-Areal steht die Tatsache, dass man nicht vor der Bühne steht. Mitten im Wald liegen kreuz und quer Zelte, Stühle und diverses anderes Campingutensil herum. Wer will und kann, der campt an geografischen Unmöglichkeiten wie abschüssigen Hängen oder Verwerfungen. Eingefleischte Bescheidwisser sichern sich herrliche Vorgärten, indem sie direkt am Fluss Soča ankern. Andere gönnen sich durch das Hausieren auf dem bereitgestellten Freigelände ganztägige Postkartenmotive. Bei der Grundstückswahl quatscht kein Security dazwischen, niemand verlangt Einsicht in die persönlichen Mitbringsel. Es herrscht beidseitiges Vertrauen in die smarte Entspanntheit des Gegenübers. In den nächsten Tagen wird sich herausstellen, dass diese Zuversicht mehr als gerechtfertigt ist.

Nach mächtig Hin und Her steht der Palast und düftelt auch nur ganz wenig nach Schimmel. Der Bierbeauftragte wurde in der Zwischenzeit zum örtlichen Supermarkt geschickt, um anständig Treibmittel für einen entspannten Abend zu organisieren. Das Gelände ist ca. 15 Minuten Fußweg vom Tolminer Ortskern entfernt. Dort warten zwei Supermärkte auf das durstige Klientel. Neben diversen einheimischen Biersorten gibt es dort vor allem günstigen Wein zu kaufen. Dieser wird in der Folgezeit zu unserem ständigen Begleiter, da das Preis-Knall-Verhältnis gerade bei der durchsichtigen Traubenbrause überaus optimistisch stimmt. Leider beginnt der erste Tag mit dem zweiten Fauxpas des Bierbeauftragten, der in diesem Fall allerdings noch so einige Schüppen draufgelegt hat. Dieser hat nämlich in seiner beschwipsten Beschränktheit voller Begeisterung einen Plastikkoffer voller alkoholfreier Blechbrötchen angeschleppt. Die kurzfristige Vierteilung des Delinquenten wurde nur knapp verhindert. Stattdessen wurde er justament zum Abwaschbeauftragten degradiert.

Auf der Suche nach einer hochprozentigen Tagessuppe machen wir uns alsbald auf den Weg. Das Gelände an sich ist recht klein und übersichtlich. Überall stehen ausreichend Dixi-Toiletten (äußerst sauber), auf denen man seinen persönlichen Geschäften nachgehen kann. Eine kalte Open-Air-Dusche lädt zum gemeinschaftlichen Abrieb ein. Wer es gern etwas kuscheliger mag, der kann auf einen kostenpflichtigen Dusch- und Scheißcontainer ausweichen. Ablageplätze für Müll sowie ausreichend Trinkwasserzapfanlagen runden die Infrastruktur ab. An das bewaldete Campingareal schließt sich der Bühnenbereich an. Auf dem Weg zur Hauptbühne findet man neben den üblichen Futter- und Getränkedealern auch einen Friseur. Das ist kein Witz. Wer sich noch schnell einen Scheitel ziehen, den Irokesen aufstellen oder den Rauschebart stutzen lassen möchte, kann sich bei Maestro auf den heißen Stuhl setzen. Mit Trick und Geschick zaubert er die passenden Festivalfrisuren. Der stete Andrang vor den Toren des Coiffeurs spricht sicher für Qualität an Kamm und Schere. Selbst überzeugt haben wir uns allerdings nicht.

Lässt man die Hauptbühne rechts liegen und folgt einem steinigen Weg in Richtung Fluss, kommt man nach zwei bis drei Stolperern zur Beach Bühne. Spätestens hier liegt einem der Riemen dann halbhart in der Knickerbocker, denn der Anblick entschädigt für jeden Schweißtropfen des Tages. Am Zusammenlauf der Flüsse Tolminka und Soča steht ein kleines Festzelt samt eingebauter Bühnen-Bar-Kombination und beschallt die Besucher mit einem stimmungsvollen Soundgewitter. Davor hat man einige Bierbänke postiert, an denen gepflegt palavert und gespaßt wird. Man kann baden gehen oder einfach nur am Wasser sitzen, die Aussicht genießen und nebenbei reichlich Live-Mucke verhören. Wer will, tanzt mal kurz einen kleinen Circle vor der Bühne und kann sich dann direkt die nötige Abkühlung holen. Schicker kann man eine Festivalbühne eigentlich nicht postieren. Großes Tennis!

Wir beschließen, die Atmosphäre auszukosten und gönnen uns einige Wein-Bier-Synthesen. Da die Geselligkeit proportional zum Fortschritt des Abends wächst, kommt man schnell mit einigen Leuten ins Gespräch. Die Internationalität des Publikums ist dabei recht beeindruckend. Aus aller Herren Länder pilgern Musikbegeisterte in die slowenische Pampa. Neben den obligatorischen Slowenen und Besuchern aus den direkten Anrainerstaaten stellen vor allem Holland, Deutschland und die Schweiz Repräsentanten ab. Selbst aus England, Polen, Skandinavien und Frankreich sind einige Fans gekommen, um dem Treiben beizuwohnen. Man versteht sich prompt, ist man doch aus denselben Beweggründen angereist.

Neben der Brause fließt auch musikalisch Stimmungsvolles aus dem Zelt heraus. Die vom Buschfunk prophezeite Akustik-Show der unangekündigten Metalcore-Formation Evergreen Terrace wurde dann doch mit voller Verstärkerpower gefahren. Schade. Wäre ein spannendes Experiment gewesen.

Am nächsten Morgen beginnt der erste offizielle Festivaltag. Nach und nach füllt sich das Gelände mit Feierwütigen. Die Stimmung auf dem Platz ist klasse. Jeder pflegt sein Plaisierchen, frönt abwechselnd der Sonne oder dem Alkohol, betreibt Körperpflege oder Konversation. Hier und dort wirft man Frisbee, spielt Flunkyball oder beobachtet die Passanten am Zombie-Roboter-Highway. Man kocht, chillt oder flaniert wie einem der Kamm gewachsen ist. Wer die Ohren spitzt, dem fällt schnell auf, dass der sanfte Minimalismus des Festivals auch von den Besuchern gelebt wird. Wohltuend ruht der Platz angesichts des Fehlens der nervenden Notstromgeneratoren, welche auf anderen Festivals inzwischen wie selbstverständlich die Kühlaggregate und Entertainment-Systeme der wohlstandsverwahrlosten Edel-Camper speisen.

Gut so! Statt sich mit lärmenden Brüllanlagen gegenseitig zu übertönen, wird hier sogar selbst Hand angelegt. Viele der kleineren Bands zelten in direkter Nachbarschaft. So ist es durchaus nicht unüblich, dass sich spontan eine kleine Gesangstruppe zusammenfindet und begleitet von Gitarre, Trompete und Schlagwerk einige Gassenhauer zum Besten gibt. Dass Musik verbindet und Barrieren einreißt merkt man spätestens, wenn man sich zum Sonnenuntergang in einer heiteren Truppe wildfremder Leute mit unterschiedlichsten Nationalitäten wiederfindet und gemeinsam das Kulturgut seiner Lieblingsbands absingt.

Erste Bekanntschaften des Vorabends werden intensiviert. Im Laufe der Tage wird uns immer wieder bewusst, wie klein und familiär dieses Festival ist. Man trifft permanent dieselben Leute, grüßt nett, unterhält sich kurz und geht dann wieder seinem Tagwerk nach. Alles kann, nichts muss. Man lädt ein oder wird eingeladen. Alle verhalten sich freundlich, aufgeschlossen und kehren ihre positive Stimmung nach außen. Der Zusammenhalt und die Gemeinsamkeiten zählen sowohl für die Besucher als auch für die Helfer, das Securitypersonal und alle anderen Mitarbeiter. Alle geben sich Mühe, ein möglichst entspanntes und angenehmes Festival zu zelebrieren, was unter anderem an der Müllthematik sichtbar wird.

Das Thema Abfall wird für viele Open Air - Veranstaltungen inzwischen existenzbedrohend. Man denkt unweigerlich an die Luftaufnahmen vom Glastonbury - Festival, auf denen das Gelände nach dem Festival aussieht als wäre man mittendrin. Die Mainstream-Proleten schleppen inzwischen ihren gesamten Hausstand auf den Acker. Jeder kennt die Trödeltruppen, die glauben, dass der Spaßfaktor in Kilo PVC pro Quadratzentimeter unter den eigenen Füßen gemessen wird. Wie immer ist der Punk hier wesentlich cleverer und scheißt sich nicht ins eigene Wohnzimmer. Man weiß, dass man sich am Rande eines Nationalparks befindet und schön bescheuert wäre, sich dieses Kleinod an Schönheit und Atmosphäre durch Dummheit zu versauen. Selten haben wir einen derart sauberen Zeltplatz gesehen. Auch der asseligste Vollblut-Punker wirft seinen Müll nicht in den Wald oder Fluss, zerstört nicht blind irgendwelche Sachen oder benimmt sich im Örtchen wie die buchstäbliche Axt im Walde. Das ist Unterstatement in seiner höchsten Form.

Ok, wir haben verstanden, dass sich die Besucher pudelwohl fühlen. Aber was ist mit den Bands? Machen die nur Dienst nach Vorschrift?

Auch an dieser Stelle hat das Punk Rock Holiday eine Kuriosität zu bieten, die in der Festivallandschaft ihresgleichen sucht. Großen Wert legt man nämlich auf die direkte Interaktion zwischen Musikern und Publikum. Was das bedeutet erkennt man, sobald man vor der großen Bühne steht. Es fehlt der Bühnengraben. Ähnlich wie bei Clubkonzerten (richtige Clubs, nicht die seelenlose Massenbierhaltung eines Hamburger Grünspans oder Berliner Huxley‘s) feiert das Publikum direkt am Act, was beidseitig zelebriert wird. Die Fans entern die Bühne, brüllen mit ihren Idolen und springen in alle Himmelrichtungen. Das geht so weit, dass man Lou Koller von Sick of it all beim gemeinsamen Abschluss-Singsang mit H2O bereits deutlich die Schweißperlen ansehen konnte, weil die kompletten ersten fünf Publikumsreihen geschlossen die Bühne geentert hatten, um mit ihm den Gassenhauer „What happened?“ zu trällern (das entsprechende Video findet ihr unterhalb).

What happened to the passion? Hier wird sie mit aller Intensität gelebt.

Der Gaudi überträgt sich natürlich auf die Künstler. Aaron Bedard, der etwas eigenwillige Front-Rüffel der Hardcore-Institution Bane, läuft das komplette Konzert auf der ersten Bühnenstufe auf und ab und feiert das Set zusammen mit den Fans. Nach dem Auftritt verschafft er seiner Begeisterung nochmals laut Gehör und lobpreist die fehlenden Barrieren. Neal Mitchell von Templeton Pek stellt gar sein Mikrofon zur Verfügung und lädt die Fans ein, seinen Gesangspart zu übernehmen. Getraut hat sich trotzdem keiner. Dafür springt er während eines Liedes mal eben samt Gitarre von der Bühne und rennt durchs Publikum in Richtung Bar. Ob er sich dort erfrischt oder ein Ferngespräch angenommen hat, haben wir leider nicht erfahren. Alle feiern zusammen, sich selbst, die Musik und das gemeinsame Erlebnis. Keine Band, die nicht von begeisterten Fans überrollt, von weiblichen Verehrerinnen geschmust und von frenetischen Anhängern gezupft, umarmt oder abgeklatscht wird. Bühne und Publikum bilden einen Raum, der zur großen Arena wahnwitziger Unterhaltung wird.

Und so tanzt und springt die gesamte Meute bei Lagwagon und NoFX wild umher, Stagediving und Circle Pits gehen furios ineinander über, rotierende Arme und Beine fliegen bei rasanten Ska-Hymnen von Reel Big Fish und Talco durcheinander und reichlich blaue Flecken entstehen im wüsten Pogo-Kessel von Sick of it all und Ignite. Die lustige Rauferei wird dabei von der Stage Security mit viel Fingerspitzengefühl begleitet. Es ist sicher nicht leicht, einen aufgewühlten Schwarm ungezügelter Fans auf der einen Seite gewähren zu lassen und gleichzeitig die Sicherheit aller Beteiligten sowie einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Die Jungs haben’s geschafft. Hut ab!

Diese charmante Balance zwischen professionellem Handling und unverkrampfter Gelassenheit wird beim gesamten Festivalpersonal deutlich. Die Helfer sind reihum freundlich, aufgeschlossen und osteuropäisch locker. Ganz offensichtlich erfüllt man nicht nur seine Aufgabe, sondern trägt das Punk Rock - Brandzeichen mit Stolz. So kam es zu der morgendlichen Begegnung mit zwei halbtrunkenen Mitarbeitern im Lost & Found - Office, weil unser Gruppenblödester zu später Stunde seine Geldbörse, samt frisch aufgeladener Getränkechipkarte, im Moshpit geparkt hatte. Am Vorabend, mit vollem Kopf und unter den Beer-Goggles eines etwas lustlos wirkenden Joey Cape, war ein Auffinden unmöglich, so dass man sich nach Sonnenaufgang beim Fundbüro erkundigte, ob denn noch einige Schnipsel der persönlichen Dokumente aus dem weichen Boden gegraben wurden. Das Fachpersonal auf der anderen Seite des Fensters entschuldigte sich zunächst für ihr schlechtes Deutsch. Man spräche sonst fließend Teutonisch, nur sei man gerade zu betrunken, um perfekt im Slang der Weißwurschtfressers zu verhandeln. Verzeihung? Jungs, wir sind hier in Slowenien. Eigentlich muss ich zu Kreuze kriechen, nicht mal „Oh Baby, du machst mich ganz wuschig“ in der Amtssprache gepaukt zu haben. Während ich noch grübele, hebelt und knechtet das dynamische Duo an ihrer Stellenbeschreibung und schafft es nach einer halben Stunde tatsächlich, zwei Einreisedokumente aus dem besagten Geldsack zurück ans Tageslicht zu fördern. Ein Nierenstein fällt vom Herzen. Die Kohle ist  zwar weg, aber immerhin kann man im Rotlichtbezirk wieder seine Volljährigkeit bekunden.

Nicht nur die Wiederbeschaffung von verlorenen Gütern (Handys waren wohl der absolute Renner - das Lost & Found - Büro hätte locker dem Media Markt Konkurrenz machen können) lief auf Hochtouren, auch die medizinische Versorgung war gefühlt auf dem Niveau einer besorgten Mutti. Nachdem unser alkoholfreier Prügelknabe beim Auftritt von Ignite dann versehentlich doch noch den verdienten Gong auf die Zwölfe bekommen hatte, kümmerte sich das beigestellte Erstversorgungsteam rührend um den Kleinen. Der blutende Stirnkrater wurde vor Ort mit einer Akkuratesse behandelt, dass Dr. Müller-Wohlfahrt vor Neid wahrscheinlich der Streuselkuchen aus der Hand gefallen wäre. Fear is our tradition? Quatsch! Bei dem Sanitätsteam muss man sich keine Sorgen machen, sollte der Stage Dive mal gründlich danebengehen.

A propos Wohlfühlfaktor: Neben den vorgenannten Annehmlichkeiten, den guten Vibes auf dem Camping-Ground und der ausgelassenen Feierstimmung vor der Bühne hat das Punk Rock Holiday einen weiteren Leckerbissen zu bieten.

Man stelle sich eine Außentemperatur von objektiven 28 bis 34 Grad Celsius vor, immerhin befinden wir uns Anfang August in einem Land südlich der Alpen, addiere zur gemessenen Kenngröße eine gefühlte Heißblütigkeit von elfeinhalb Grädchen und summiere die daraus abzuleitende Körpersoßenwahrscheinlichkeit. Man braucht in der Baumschule nicht Geometrie studiert zu haben, um zu erkennen, dass die wandelnde Tierleiche in der Mittagshitze nach reichlich Abkühlung schreit. Zu diesem Zwecke pilgert die versammelte Camping-Gemeinde in Hundertschaften zum Gebirgsflüsschen Soča, der sein kühles Nass direkt am Areal vorbeischiebt. Und das, Freunde, ist ein Erlebnis allerhöchster Güte.

Am kieseligen Ufer sitzen, fläzen und campieren die Punk Rock - Jünger zum gemeinsamen Stelldichein. Überall kühlt Bier und Wein im ruhigen Wasser, fahren voll beladene Boote, planschen aufgeheizte Körper und faulenzen verkaterte Brandkannen. Die natürliche Promenade ist hochfrequentiert und wird von allen Seiten lustig bespaßt. Man hebt die Kannen, zündelt die ein oder andere flotte Karotte oder macht einfach nur den Lachs lang. Das Ganze ist eine Mischung aus Ferienlager und Woodstock - Revival. Alle sind zufrieden, genießen den Moment und feiern das gemeinsame Erlebnis. Weitere Authentizität erhält das Szenario durch vereinzelte Solo-Performances. Hier läuft die nette Dame mit eine Kleinfamilie Plastikentchen über den Strand, dort springt eine Truppe bunt bemalter Wirrköpfe durchs Wasser. Aus dem Wald brüllt der inoffizielle Schimpansenimitator des Festivals „Mr. Monkey Guy“ in die Runde, während auf dem Wasser ein Duett aus Hals und Gitarre singend auf einem Mini-Schlauchboot die Anwesenden unterhält. Nebenbei wird getrunken und gelacht, man verbrennt sich die Rübe oder erwärmt sich die ein oder andere Bekanntschaft für den Abend. Es ist bunt, es ist schrill, es ist unwirklich. Und man kann nicht genug davon bekommen.

Doch irgendwann geht’s dann doch zurück zum Zelt, um bei einheimischer Bohnenkost neue Kraft für die bevorstehenden Auftritte zu generieren. Die braucht man auch, um die freudig herbeigesehnte Vorstellung der Real McKenzies abzufeiern. Bei Dudelsack und Whisky geht es heftig zur Sache. Vorturner und Schnaps-Pontifex Mr. Paul McKenzie hatte dabei wohl zuvor an der Beach Bühne zu viele Jägermeister-Audienzen abgehalten. Gegen Ende des Sets wurde er zunehmend apathischer und übergab sich dann stilecht auf die Bühne. Dabei war die Stimmung alles andere als zum Kotzen. Der Chef ließ sich allerdings nicht lumpen und sang nach kurzer Rekonvaleszenz brav weiter.

Wer das als geschmacklos erachtet, der hat den Auftritt von SNFU verpasst. Die kanadischen Punk-Veteranen lieferten grundsolide Kost und wurden zurecht abgefeiert. Offensichtlich angespornt von Paul‘s effektvollem Würfelhusten wollte die kanadische Front-Sau Ken Chinn oder auch Mr. Chi Pig, der mit Abstand hässlichste Mikrofonakrobat im Business, noch eins drauf setzen und präsentierte neben seinem Gesicht auch noch ein glitzerndes Abendkleid auf der Bühne. Eine interessante Kombination und ein echter Hingucker.

Neugierig beäugt haben die zahlreichen weiblichen Fans dann sicher auch den Oberkörper von Raised Fist - Gesangsbruder Alexander Hagman. Der hat vor seiner Reise nach Tolmin ganz offensichtlich noch mal kräftig Bizeps und Stimmbänder aufgepumpt und schmettert beides der begeisterten Menge entgegen. Während die Instrumentenfraktion schnörkellos und direkt arbeitet, schafft es „Alle“ durchgehend sein markdurchdringendes Hühnerficker-Shouting aufrechtzuerhalten. Wahnsinn! Nach der erhobenen Faust folgte das tanzende Bein. Reel Big Fish füllten auch ohne beigeordnete Fanbasis die Bühne vollständig aus und beglückten die euphorischen Tanzbären mit toller Ska-Punk-Kost. Der Fisch begann auch nach über einer Stunde nicht zu stinken und so zappelte sich lustige Mob bei der üblichen Eigenarbeit-Cover-Mixtur schier endlos den Sonnenbrand von der Kruste.

Neben den etablierten Kapellen haben auf dem Punk Rock Holiday aber auch Nachwuchsbands die Chance, sich in die Herzen der Fans zu klimpern. Nicht unerwähnt lassen möchten wir an dieser Stelle die schwedischen Melodie-Punker Rebuke, die sich hinsichtlich Promo und Musikalität die Ehrendoktorwürde als Festivalperle verdient haben. Ursprünglich als erste Band des dritten Abends auf der Hauptbühne geplant (einer der Slots, die zum Scheitern verurteilt sind, weil sich die Zielgruppe noch weinselig im Feuchtbiotop vergnügt - eine bittere Erkenntnis, zu der auch die glücklosen Templeton Pek einen Tag später gelangt sind), verschob man den Auftritt kurzerhand auf die Beach Bühne. Die Festivalleitung schien dahingehend wohl recht flexibel zu sein. Zuvor hatte man Tolmin großflächig mit Handzetteln plakatiert und auch die Mundpropaganda-Trommel drehte sich mit hoher Umdrehungszahl. Also gingen auch wir mal nachschauen, ob die Burschen was können oder einfach nur die große Fresse haben.

Und? Schnauze zu voll genommen?

Das Gegenteil ist der Fall. Gitarrenmann und Sänger Petter Mossberg wirkt fast eingeschüchtert, als er vor dem zahlreich herbeigepilgerten Zeltpublikum seine Ansagen macht. Und wir wiederum sind regelrecht beschämt, dass wir bis jetzt ahnungslos hinsichtlich der Existenz dieser Formation waren. Unfassbares dröhnt aus den Lautsprechern. Eine Abfolge blitzschneller und präziser Tempowechsel in Kooperation mit grundsolidem Songwriting, tollem Gesang und tadelloser Instrumentenbeherrschung. Hier stimmt alles. Mit offenen Mäulern stehen wir herum, lassen uns vom Sound wegblasen und ermahnen uns stillschweigend, beim nächsten Besuch mehr Nachmittagszeit an der Beach Bühne zu verbringen, da hier ganz offensichtlich der ein oder andere unbekannte Leckerbissen aufgetafelt wird.

Irgendwann geht auch der schönste Urlaub zu Ende. Festivaltag 4 bricht an und wir sind einigermaßen durchgerockt. Noch einmal in den Ort, um der netten Verkäuferin im Supermarkt eine Mannschaftsration Wein und Bier abzuluchsen. Noch einmal ein kurzer Schwank mit dem Sicherheits-Männchen, der wahrscheinlich auch lieber kühl trinken als schwitzend stehen möchte. Noch einmal ein Schwank mit den inzwischen lieb gewonnenen Nachbarn und den Strandbekanntschaften. Ein letztes Aufbäumen und Zusammenreißen angesichts der zittrigen Hände und steinharten Leber, die nach Besänftigung kreischt. Der Körper ist kaputt, aber der Geist ist aufgeblüht. Selten hat man so viel verdichteten Spaß in wenigen Tagen erlebt. Selten inmitten so vieler Nationalitäten eine derartige Einheit verspürt. Noch einmal schwimmen gehen und die Landschaft genießen, bevor man zurück ins quecksilberverseuchte Großstadt-Grau muss. Noch einmal ein Portrait mit Mr. Selfie, unserem Foto-Beauftragten, der sich inzwischen einen ehrenwerten Platz im Festival-Almanach gesichert hat, weil er mit gefühlt zwei Drittel der Besucher ein Selfie geschossen hat. Noch einmal Kurioses erleben, weil man am Nachmittag rein zufällig vor der Hauptbühne vorbeischlendert und dort gerade Ignite ihren Soundcheck mit einem neuen Song absolvieren. Da steht man nun fast allein vor der Bühne und eine der wichtigsten Bands des Genre spielt dir gerade ein Ständchen. Das kann doch nicht wahr sein.

Noch einmal am Vorabend an der Zeltbar des Campingplatzes versacken und tiefsinnige Gespräche verzapfen. Noch einmal tolle Leute kennenlernen und mit denen zusammen ausgelassen den Auftritt der italienischen Ska-Rakete Talco zelebrieren. Noch einmal großartige Klangkost von Leftöver Crack und A Wilhelm Scream genießen und den Klangteppich von Zoli Téglás absaugen lassen. Noch einmal in den Abend hineinleben und ohne Sorgen eines der abgefahrensten, spannendsten, schönsten und liebeswertesten Festivals des Punk Rock - Planeten genießen.

Schmetterzeit = Abschiedszeit (Schluss)

Bleibt abschließend zu sagen, dass wir nicht sicher sind, ob wir im nächsten Jahr wieder hinfahren. Warum? Weil man aufhören soll, wenn’s am schönsten ist. Und ein Ausflug nach Tolmin gehört sicher zu den tollsten Erfahrungen, die ein festivalbegeisterter Punk Rock - Jünger so machen kann. Wir sind restlos begeistert und verlassen den Ort des Geschehens in Ehrfurcht.

Man kann nur hoffen, dass dieses Festival nicht auch, wie viele andere zuvor, von randalierenden Jugendgangs heimgesucht wird und dass die Festivalmacher am Konzept der Veranstaltung festhalten, denn so ist es genau richtig.

Danke an die Organisatoren für den festlichen Rahmen. Danke an die Bands, dass sie dieses kleine Nest nicht links liegen lassen. Danke an die Fans für die phänomenale Stimmung.

Danke Punk Rock Holiday. Schön, dass wir das noch erleben durften!

(Das Lou Koller/H2O Video sowie ein paar Fotos findet ihr unterhalb. Weitere Fotos und Videos könnt ihr euch auf der offiziellen Facebook-Seite der Punk Rock Holiday´s und dem Internetauftritt der jza-crew anschauen)

Credits:

Fotos von Jasmina Lozar und Marco Mazgon (www.jzacrew.com) sowie Privat.

Vielen Dank für die Hilfe an die jza-crew und Gunther Birnvogt!

Videos

Fotos

Kommentare

Bild des Benutzers Gunther Birnvogt

Birnvogt bitte nur mit dem i in der Birne und nicht im Vogt. Ansonsten schick.

Bild des Benutzers Smool

Ja man! REBUKE! Seit Jahren eine meiner absoluten Lieblingsbands! Höchste Zeit, dass die hier mal Erwähnung finden - mehr davon! :)

Schöner Bericht!

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