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THE GASLIGHT ANTHEM, RADIO HAVANNA - 01.06.2012 - Bremen, Aladin

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THE GASLIGHT ANTHEM, RADIO HAVANNA - 01.06.2012 - Bremen, Aladin

Wenn THE GASLIGHT ANTHEM europäische Bühnen betreten und ich vor ihnen stehe, dann ist das für mich persönlich kein normales Konzert. Tausend Mal gehört und völlig uninteressant ist es zugegebenermaßen, dass der Schreiber die Band einst vor 50 Menschen sah, sich zu Songs wie "Drive" betrunken getrunken hat und an manchen Textfetzen auch irgendwie ganz persönliche, kitschige Erinnerungen hängen. Noch viel uninteressanter und ausgelutschter ist die Diskussion darüber, ob sich eine Band mit zunehmender Zuschauerzahl selbst verliert, die einstudierten Gesten zunehmend die Authenzität verdrängen und ob Punkrock hier überhaupt noch eine Rolle spielt. Dieses ganze Szenegeblubber, und diese ganzen persönlichen Liebeleien, die einem die Songs näher bringen sollen als dem Nebenmann/der Nebenfrau, die dafür sorgen sollen, dass man sich anders, besser und wertiger fühlt als die gut 1500 Menschen um einen herum, die nur dank Funk und Fernsehen Zugang zu jener Lieblingsmusik gefunden haben - sie kotzen an.

Der Blick fürs Wesentliche ist nämlich ein anderer. An jenem Abend im todhässlichen, völlig verbauten, an einen Riesen-Sauna-Club erinnernden Bremer Aladin, haben nach gut 90 Minuten GASLIGHT ANTHEM fast alle Anwesenden verdammt freudige Gesichter und teils verschwitzte, zufriedene Körper. Jene wenigen Menschen, die den nicht zu erschütternden Tunnelblick unter ihrer Wollmütze aufsetzten, ließen sich als inkonsequente Szenepolizisten, die den Absprung von der mainstreamigen Massenveranstaltung nicht geschafft haben, indentifizieren. Pech gehabt. Die sind egal. Es geht hier um etwas anderes. Es geht darum, dass hier zu Songs wie "We Came To Dance" getanzt, zu "She Loves You" gebibbert, zu "59 Sound" gegröhlt und gesungen wurde. Es geht um einen verdammt guten Abend, um eine gute Zeit, zu der Girls von ihren rockaffinen Freunden mitgenommen werden, um ein kleines Stück sanfte Anarchie zu erfahren und die wildness ihres Dates klarzukriegen. Es geht um subkulturell geprägte Jungsgruppen, die sich fürchterlich betrinken, sich ohne große Rücksicht zu "Wooderson" in die Mitte stürzen und jenen jungfräulichen KonzertbesucherInnen durch unfreiwilliges auf-den-Fuß-treten erst Bestürzung und im nächsten Moment ein trotziges, fast schon stolzes Lächeln abringen. Um Herren älteren Semesters, die sich für einen Abend wieder an die eigene Jugend erinnern und sich bestätigt sehen, dass heutzutage nicht alles nur flache "LALA-Musik" ist. Dass es sie doch noch gibt, die Musik mit dem Prädikat "Handwritten". Und natürlich um die fünf Musiker, denen man ihre Freude an der Sache zu 100 Prozent abnimmt. Um die Band, die als letzte Zugabe The Who's "Teenage Wasteland" aka. "Baba O Riley" covert und deren eigene Gänsehaut man durch die weißen Shirts und St.Pauli-Jeansjacken erfühlen kann. Konzerte der Jersey-Boys sind mittlerweile zu wirklich verbindenden schicht- und subkulturübergreifenden Events geworden, die, vorallem bei einer so tadellosen musikalischen Leistung wie an jenem Abend dazu in der Lage sind, einen gleichen Nerv bei einem auf dem Papier so heterogenen Publikum zu treffen. Wie las ich noch kürzlich in einem Blogkommentar: "TGA haben eine Lücke geschlossen, von der man garnicht wusste, dass sie existiert. Was für meinen Vater die Beatles waren sind für mich Gaslight Anthem." Pathetisch und übertrieben wirken solche Vergleiche. Aber ein Funken Wahrheit scheint vorhanden.

Vorband in Bremen waren übrigens die sympathischen RADIO HAVANNA, die mit den Songs ihres neuen Albums "Alerta" ausgestattet waren. Wohlwollend vom Publikum aufgenommen, waren mir die Ausflüge in leicht prollig, an Hosen oder Betontod erinnernde "Oho-Refrains" ein wenig zu häufig. Funktioniert aber sicher auf diversen Festivals, auf denen die Band diesen Sommer noch zugegen sein wird.

Kommentare

Bild des Benutzers Laura

Ganz schön gschrieben aber stell doch uns Mädels nicht immer so negativ dar. Nicht jede weibliche Person die das Konzert besucht hat wurde von ihrem "musikaffinen Freund" mitgenommen oder ist eine "jungfräuliche Konzertbesucherin" die ausflippt wenn ihr jemand auf den Fuß tritt ;)

Bild des Benutzers Benni

da hast du absolut recht! war wohl noch zu sehr in der doch sehr klassisch gestrickten mann-frau welt von fallon und co gefangen ;)

love and logic ?!

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